Fachportal · Traumapädagogik Deutschland
Traumapädagogik im deutschsprachigen Raum: Fachwissen, Praxis, Haltung.
Traumapädagogik ist ein interdisziplinäres Arbeitsfeld an der Schnittstelle von Pädagogik, Sozialer Arbeit und Psychotraumatologie. Dieses Portal bündelt fachlich fundierte Beiträge zu Konzepten, Methoden und Haltungsfragen der traumasensiblen Begleitung. Es richtet sich an pädagogische Fachkräfte, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, Erzieherinnen und Erzieher sowie an Studierende einschlägiger Studiengänge.
70+
Fachartikel zu Trauma, Bindung, Selbstregulation, Pädagogik und Sozialer Arbeit.
Praxis-Fokus
Übertragbar in Schule, Jugendhilfe, Heimerziehung, Beratung und Pflege.
Quellen
Bezug auf etablierte Fachliteratur — Bausum, Weiß, Schmid, Krüger u. a.
Was ist Traumapädagogik?
Traumapädagogik ist ein eigenständiges Arbeitsfeld an der Schnittstelle von Pädagogik, Sozialer Arbeit und Psychotraumatologie. Sie zielt darauf, Menschen mit traumatischen Erfahrungen einen sicheren Ort zu schaffen, ihre psychische Stabilität zu fördern und ihre Selbstwirksamkeit zu stärken. Im Zentrum stehen Beziehungsgestaltung, transparente Strukturen und das Erleben von Wertschätzung.
Traumapädagogik ist keine Therapie. Sie greift nicht direkt in die Verarbeitung von Traumata ein, sondern schafft die pädagogischen Rahmenbedingungen, unter denen Stabilisierung, Bindungserfahrungen und Entwicklung wieder möglich werden. Sie ist damit ein eigenständiger Beitrag zur Versorgung traumatisierter Kinder, Jugendlicher und Erwachsener — komplementär zur Traumatherapie, nicht konkurrierend.
Das Konzept wurde maßgeblich von Wilma Weiß, Marc Schmid, Birgit Lang, David Becker, Bertram Kühn, Jacob Bausum und Lutz Besser geprägt. Heute ist Traumapädagogik fester Bestandteil von Curricula in Sozialer Arbeit und Pädagogik, von Fortbildungsangeboten für stationäre Jugendhilfe, Schulsozialarbeit, Geflüchtetenarbeit und Frühförderung sowie von Qualitätsentwicklungs-Prozessen in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe.
Wann ist Traumapädagogik entstanden?
Traumapädagogik als eigenständiges Fachgebiet hat ihre Wurzeln Ende der 1990er und Anfang der 2000er Jahre in der stationären Jugendhilfe. Sie entstand aus der praktischen Notwendigkeit, mit hoch belasteten Kindern und Jugendlichen pädagogisch arbeiten zu können, deren Verhalten klassische Erziehungskonzepte überforderte.
Wichtige Stationen der Entwicklung:
- 1999 — Wilma Weiß veröffentlicht „Philipp sucht sein Ich“. Das Buch gilt als Gründungsdokument der deutschen Traumapädagogik.
- 2007 — Gründung der „Bundesarbeitsgemeinschaft Traumapädagogik“ (BAG-TP), die später im Fachverband Traumapädagogik aufgeht.
- 2009 — Erscheinen des Standardwerks „Traumapädagogik. Grundlagen, Arbeitsfelder und Methoden“ (Bausum, Besser, Kühn, Weiß).
- 2011 — Curricularer Rahmenstandard für die Zertifikatsweiterbildung wird verabschiedet (DeGPT/Fachverband Traumapädagogik).
- 2015 ff. — Geflüchtetenarbeit treibt eine zweite Praxiswelle: Traumapädagogik wird für die Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen systematisch adaptiert.
- seit 2020 — Verstärkte Verbreitung in Kita, Schule, Frühförderung und Pflege; zunehmende Verankerung in Hochschullehre.
Traumapädagogik versteht sich als traumabezogene Haltungs- und Methodenlehre. Sie übersetzt Erkenntnisse aus Psychotraumatologie, Bindungstheorie, Neurobiologie und Resilienzforschung in pädagogische Praxis — ohne den eigenen pädagogischen Auftrag aufzugeben.
Welche theoretischen Grundlagen prägen die Traumapädagogik?
Traumapädagogik ist theoretisch breit fundiert. Sie integriert vier wesentliche Wissensbestände: Psychotraumatologie, Bindungstheorie, Neurobiologie der Stressregulation und Resilienzforschung. Aus dieser Verknüpfung entstehen die Konzepte, mit denen sie praktisch arbeitet.
Psychotraumatologie
Die Psychotraumatologie liefert das Verständnis dafür, was Trauma ist und wie es wirkt. Zentrale Konzepte sind das psychische Trauma als Ergebnis einer überwältigenden Erfahrung, die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), die komplexe PTBS sowie das Entwicklungstrauma. Traumapädagogik baut auf der biopsychosozialen Sichtweise auf, wie sie unter anderem von Gottfried Fischer, Peter Riedesser und in der angelsächsischen Tradition von Bessel van der Kolk vertreten wird.
Bindungstheorie
Die Bindungstheorie nach John Bowlby und Mary Ainsworth erklärt, wie sichere oder unsichere Bindungserfahrungen die Selbstregulation und die Beziehungsfähigkeit prägen. Karl-Heinz Brisch und andere haben die Theorie für die deutsche Praxis weiterentwickelt. Traumapädagogik nutzt Bindungswissen, um die Beziehungsgestaltung im pädagogischen Alltag bewusst zu reflektieren und korrigierende Bindungserfahrungen zu ermöglichen.
Neurobiologie der Stressregulation
Die Polyvagal-Theorie nach Stephen Porges und die Forschung zur Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse erklären, warum traumatisierte Menschen in scheinbar harmlosen Situationen mit Fight-, Flight- oder Freeze-Reaktionen reagieren. Traumapädagogik nutzt dieses Wissen, um Verhalten zu verstehen, ohne es sofort zu pathologisieren — und um Methoden der Co-Regulation gezielt einzusetzen.
Resilienzforschung
Die Resilienzforschung — prominent vertreten durch Emmy Werner und in Deutschland durch Klaus Fröhlich-Gildhoff und Maike Rönnau-Böse — zeigt, welche Schutzfaktoren die psychische Widerstandsfähigkeit stärken. Traumapädagogik leitet daraus konkrete pädagogische Strategien ab: stabile Bezugspersonen, Selbstwirksamkeitserleben, sinnstiftende Aufgaben und ein verlässliches soziales Umfeld.
Was unterscheidet Traumapädagogik von Traumatherapie?
Traumapädagogik begleitet im pädagogischen Alltag und schafft sichere Strukturen — sie verarbeitet keine Traumata. Traumatherapie ist ein psychotherapeutisches Behandlungsverfahren und greift gezielt in die Verarbeitung ein. Beide Felder ergänzen sich; Fachkräfte arbeiten häufig kooperativ.
Konkrete Unterschiede in der Praxis:
- Setting — Traumapädagogik findet im Alltag statt (Wohngruppe, Schule, Beratungsstelle). Traumatherapie findet in einem strukturierten Therapie-Setting statt.
- Qualifikation — Traumapädagogik wird von pädagogisch oder sozialarbeiterisch ausgebildeten Fachkräften mit Zusatzqualifikation ausgeübt. Traumatherapie ist approbierten Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten oder ärztlichen Psychotherapeuten vorbehalten.
- Auftrag — Traumapädagogik schafft Stabilisierung, Selbstwirksamkeit und tragfähige Beziehung. Traumatherapie verarbeitet traumatische Erinnerungen mit spezifischen Verfahren wie EMDR, narrativer Expositionstherapie oder PITT.
- Dauer — Traumapädagogik begleitet über lange Zeiträume, oft Jahre. Traumatherapie folgt einem Behandlungsplan mit definierter Sitzungszahl.
- Methoden — Traumapädagogik nutzt Alltagsstrukturierung, Beziehungsarbeit, Stabilisierungsübungen, Psychoedukation und Partizipation. Traumatherapie nutzt spezifische trauma-konfrontative Verfahren.
In der Versorgungspraxis arbeiten beide Felder eng zusammen. Eine traumapädagogische Wohngruppe stabilisiert ein Kind im Alltag; eine parallele Traumatherapie verarbeitet die belastenden Erinnerungen. Die Wirkung entsteht aus dem Zusammenspiel.
Themenbereiche dieses Portals
Trauma & Traumafolgen
Komplextrauma, Bindungstrauma, Entwicklungstrauma — Mechanismen, Symptome, Folgen über die Lebensspanne.
Selbstregulation
Übungen, Methoden und Hintergrund-Wissen zur Selbstregulation bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.
Bindung & Beziehung
Bindungstheorie nach Bowlby, Beziehungsgestaltung in pädagogischen Settings, Nähe und Distanz.
Methoden & Praxis
Sicherer Ort, TRE, neurogenes Zittern, Reflexionsmethoden, personenzentrierter Ansatz.
Welche Konzepte und Methoden nutzt die Traumapädagogik?
Traumapädagogik arbeitet mit einem definierten Methoden-Repertoire. Im Zentrum stehen sieben Konzepte: der sichere Ort, die Stabilisierung, die Selbstwirksamkeit, die Partizipation, die Transparenz, der gute Grund und die Wertschätzung. Aus ihnen leiten sich konkrete Praxis-Methoden ab.
Der sichere Ort
Der sichere Ort meint zweierlei: die reale Umgebung, in der sich die Klientel sicher fühlt, und die imaginative Vorstellung eines inneren sicheren Ortes. Beides wird in der Traumapädagogik systematisch gestaltet. Eine ausführliche Anleitung findet sich im Beitrag zur Imaginationsübung Sicherer Ort.
Stabilisierung
Stabilisierung umfasst alle Maßnahmen, die das Erregungsniveau senken und ein reguliertes Funktionieren im Alltag ermöglichen. Dazu zählen körperorientierte Übungen, Atemtechniken, Imaginationen, klare Tagesstrukturen und vorhersagbare Routinen. Vertiefende Informationen zu Übungen bei Erwachsenen finden sich in unserem Beitrag zu Selbstregulationsübungen für Erwachsene.
Selbstwirksamkeit
Selbstwirksamkeitserleben (Albert Bandura) bezeichnet die Überzeugung, durch eigenes Handeln Wirkung erzielen zu können. Traumatisierte Menschen haben dieses Erleben häufig verloren. Traumapädagogik schafft systematisch kleine Erfolgserfahrungen — und macht sie sichtbar.
Partizipation und Transparenz
Partizipation meint die Beteiligung der Klientel an Entscheidungen, die sie betreffen. Transparenz meint die nachvollziehbare Erklärung dessen, was passiert und warum. Beide Prinzipien wirken einer der Kernerfahrungen von Trauma entgegen: dem Erleben von Ohnmacht und Unverständnis.
Der gute Grund
„Jedes Verhalten hat einen guten Grund.“ Dieser zentrale Satz der Traumapädagogik kehrt die übliche Bewertungslogik um: Verhalten ist nicht zuerst Störung, sondern Lösungsversuch des Organismus. Diese Sichtweise schützt vor vorschnellen Pathologisierungen und öffnet den Blick für die Funktion des Verhaltens in der individuellen Geschichte.
Wertschätzung der Persönlichkeit
Wertschätzung ist kein Stil, sondern eine Haltung. Sie meint die bedingungslose Anerkennung der Würde des Gegenübers — unabhängig von dessen Verhalten, Geschichte oder aktueller Stimmung. Diese Haltung ist eng verwandt mit dem personenzentrierten Ansatz nach Carl Rogers, der in der Traumapädagogik fortwirkt.
In welchen Arbeitsfeldern wird Traumapädagogik angewandt?
Traumapädagogik wird heute in nahezu allen Feldern angewandt, in denen Menschen mit traumatischen Erfahrungen begleitet werden. Sie hat sich von ihrer Wurzel — der stationären Jugendhilfe — in zahlreiche pädagogische und sozialpflegerische Bereiche ausgebreitet.
Stationäre Jugendhilfe und Heimerziehung
Das ursprüngliche und prägende Feld der Traumapädagogik. In Wohngruppen, Erziehungsstellen und sozialpädagogischen Wohnformen bietet sie den fachlichen Rahmen für den Umgang mit hoch belasteten Kindern und Jugendlichen.
Schule und Schulsozialarbeit
Lehrkräfte und Schulsozialarbeit übernehmen zunehmend Aufgaben, die fachliches Wissen über Traumafolgen voraussetzen. Traumasensible Schule ist ein wachsendes Konzept, das Klassenführung, Beziehungsgestaltung und Verhalten neu denkt.
Geflüchtetenarbeit
Die Arbeit mit Geflüchteten — insbesondere mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen — hat der Traumapädagogik seit 2015 eine zweite große Anwendungswelle beschert. Kulturelle Sensibilität, Sprachmittlung und kollektive Traumadynamiken sind hier zentrale Themen.
Kita und Frühförderung
In Krippen, Kitas und Frühförderstellen treffen Fachkräfte auf Kinder, deren Verhalten Hinweise auf belastende Erfahrungen liefern kann. Traumapädagogik unterstützt das Erkennen, das angemessene Reagieren und das Anbahnen weiterführender Unterstützung.
Beratungsstellen und Jugendamt
Erziehungsberatung, Familienberatung, Frauenberatungsstellen, Männer-Notruf und allgemeine Sozialdienste arbeiten regelmäßig mit Menschen, die Gewalt, Vernachlässigung oder andere Belastungen erlebt haben. Traumapädagogische Haltung und Methoden gehören zum fachlichen Standard.
Pflege und Eingliederungshilfe
In Pflegeeinrichtungen, ambulanter Pflege und Eingliederungshilfe begegnen Fachkräften zunehmend Menschen mit unverarbeiteten Kriegs-, Flucht- oder Gewalterfahrungen. Eine traumasensible Haltung verändert Pflegehandeln und Kommunikation merklich.
Justiz und Bewährungshilfe
In Jugendarrest, Jugendvollzug und Bewährungshilfe haben sich traumapädagogische Konzepte ebenfalls etabliert. Die hohe Quote traumatisierter Personen in diesen Settings macht das fachlich notwendig.
Welche ethischen Grundsätze leiten die traumapädagogische Arbeit?
Traumapädagogik ist nicht nur Methode, sondern auch Haltung. Sie folgt einem klar umrissenen ethischen Rahmen, der den verantwortlichen Umgang mit besonders verletzlichen Menschen leitet. Der Fachverband Traumapädagogik hat diese Grundsätze in einem Ethik-Kodex formuliert.
Die zentralen Grundsätze:
- Der gute Grund — jedes Verhalten ergibt im Kontext der individuellen Geschichte Sinn. Die Fachkraft sucht den guten Grund, bevor sie das Verhalten bewertet.
- Wertschätzung der Person — die Würde des Gegenübers ist unverhandelbar, auch wenn Verhalten provoziert oder grenzt.
- Transparenz — Entscheidungen werden erklärt, Strukturen sichtbar gemacht. Geheimhaltung gegenüber der Klientel ist die Ausnahme, nicht die Regel.
- Partizipation — die Klientel hat das Recht und die Möglichkeit, an Entscheidungen mitzuwirken, die sie betreffen.
- Selbstbestimmung — auch in fremdbestimmten Settings (Heim, Pflege) wird Selbstbestimmung dort gestärkt, wo sie möglich ist.
- Selbstfürsorge der Fachkraft — wer professionell begleiten will, muss sich selbst schützen. Selbstfürsorge ist Pflicht, nicht Privatsache.
- Berücksichtigung gesellschaftlicher Ursachen — Trauma ist nicht nur individuelles Schicksal. Strukturelle Gewalt, Armut, Diskriminierung und Krieg sind Ursachen, die mitgedacht werden müssen.
- Begrenzung — Traumapädagogik kennt ihre Grenzen und arbeitet kooperativ mit Therapie, Medizin und Beratung.
Wie wird man Traumapädagoge oder Traumapädagogin?
Traumapädagogik wird in Deutschland, Österreich und der Schweiz als zertifizierte Zusatzqualifikation erworben. Voraussetzung ist meist ein abgeschlossenes Studium oder eine Berufsausbildung in einem pädagogischen, sozialen, psychologischen oder pflegerischen Beruf. Die Weiterbildung dauert in der Regel 18 bis 24 Monate berufsbegleitend.
Anerkannte Curricula vergeben unter anderem:
- Deutsche Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT) und Fachverband Traumapädagogik — gemeinsame Curricularstandards.
- Zentrum für Psychotraumatologie am Alexianer Krankenhaus Köln und vergleichbare Anbieter.
- Universitäre Weiterbildungsmaster in Traumapädagogik, etwa an der Alice Salomon Hochschule Berlin und der Hochschule Niederrhein.
- Träger der Jugendhilfe — viele große Träger bieten interne Zertifikatsweiterbildungen nach Standards des Fachverbands.
Typische Kursumfänge bewegen sich zwischen 240 und 300 Stunden über mehrere Module. Inhalte umfassen Theorie der Psychotraumatologie, Konzepte der Traumapädagogik, Methoden und Übungen, Bindungsarbeit, Selbstfürsorge der Fachkraft, Fallarbeit und Supervision. Abschluss ist meist ein Kolloquium oder eine Abschlussarbeit mit Praxisbezug.
Eine Weiterbildung in Traumapädagogik ersetzt keine psychotherapeutische Ausbildung. Wer im klinischen oder therapeutischen Setting arbeiten möchte, benötigt zusätzlich eine approbierte psychotherapeutische Qualifikation.
Welche Rolle spielt die Selbstfürsorge in der Traumapädagogik?
Selbstfürsorge ist in der Traumapädagogik kein Privatthema, sondern ein fachlicher Standard. Wer dauerhaft mit traumatisierten Menschen arbeitet, gerät selbst in Gefahr, Symptome einer sekundären Traumatisierung zu entwickeln. Schutz ist Pflicht der Einrichtung, des Teams und der Fachkraft.
Drei Säulen sichern die Selbstfürsorge:
- Strukturell — regelmäßige Supervision, Fallbesprechungen, klare Fallobergrenzen, qualifiziertes Onboarding und Rückzugsräume in der Einrichtung.
- Kollegial — Debriefing nach belastenden Ereignissen, kollegiale Beratung, Buddy-Systeme zwischen erfahrenen und neuen Mitarbeitenden, eine Kultur der gegenseitigen Wertschätzung.
- Individuell — klare Trennung zwischen Beruf und Privat, Bewegung, Schlafhygiene, eigene Stabilisierungsübungen, soziale Anbindung außerhalb des Berufsfelds.
Aus arbeitsmedizinischer Sicht ist die psychische Gefährdung Teil der Gefährdungsbeurteilung nach § 5 Arbeitsschutzgesetz. Einrichtungen, die mit traumatisiertem Klientel arbeiten, tragen rechtlich und ethisch Verantwortung für den Schutz ihrer Mitarbeitenden.
Für wen ist dieses Portal gedacht?
- Pädagogische Fachkräfte in Kita, Schule, stationärer Jugendhilfe und Heimerziehung
- Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter in Beratungsstellen, Jugendamt, Geflüchtetenarbeit
- Therapeutinnen und Therapeuten mit psychotraumatologischem Schwerpunkt
- Studierende der Sozialen Arbeit, Pädagogik, Psychologie und Erziehungswissenschaft
- Fachreferentinnen und -referenten in Fortbildung und Lehre
- Pflegefachkräfte in Pflege, Eingliederungshilfe und Hospizarbeit
- Pflegeeltern und Adoptiveltern, die sich vertieft in die Begleitung traumatisierter Kinder einarbeiten
Hinweis: Dieses Portal ersetzt keine therapeutische, psychologische oder ärztliche Behandlung. Bei akuten psychischen Krisen wenden Sie sich an die Telefonseelsorge (0800 111 0 111) oder an einen Facharzt.
Was sagt die aktuelle Forschung zur Traumapädagogik?
Die wissenschaftliche Begleitforschung zur Traumapädagogik ist in den letzten Jahren deutlich gewachsen. Sie konzentriert sich auf vier Schwerpunkte: Wirksamkeitsstudien zu spezifischen Methoden, Forschung zur sekundären Traumatisierung von Fachkräften, Versorgungsforschung in der Jugendhilfe und qualitative Studien zur professionellen Haltung.
Wichtige Befunde im Überblick:
- Bindungsbasierte Interventionen in der stationären Jugendhilfe zeigen positive Effekte auf Verhaltensstabilisierung und Beziehungsfähigkeit (Schmid et al., diverse Studien an der KJP Basel).
- Traumasensible Schule reduziert Schulabbrüche und Verhaltensauffälligkeiten bei vorbelasteten Schülerinnen und Schülern; eine US-Metaanalyse (Chafouleas et al., 2016) bestätigt dies für Trauma-Informed-School-Programme.
- Sekundäre Traumatisierung betrifft 15 bis 50 Prozent der Helfenden mit klinisch relevanten Symptomen; regelmäßige Supervision senkt das Risiko deutlich (Metaanalyse Hensel et al., 2015).
- Polyvagal-orientierte Interventionen wie das neurogene Zittern (TRE, Berceli) und achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR, Kabat-Zinn) zeigen messbare physiologische Stabilisierungseffekte.
- Resilienzfaktoren wie stabile Bezugspersonen, Selbstwirksamkeitserleben und sinnstiftende Aufgaben gelten als evidenzgesichert (Werner; Fröhlich-Gildhoff/Rönnau-Böse).
Trotz dieser Befunde gibt es eine offene Forschungsfrage: Die ganzheitliche Wirksamkeit traumapädagogischer Konzepte in komplexen Versorgungssettings ist methodisch schwer zu untersuchen, weil sich einzelne Wirkfaktoren kaum isolieren lassen. Hier laufen mehrere mehrjährige Studien an deutschen, österreichischen und Schweizer Universitäten.
Häufige Fragen zur Traumapädagogik
Was ist der Unterschied zwischen Traumapädagogik und Traumatherapie?
Traumapädagogik begleitet im pädagogischen Alltag und schafft sichere Strukturen — sie verarbeitet keine Traumata. Traumatherapie ist ein psychotherapeutisches Behandlungsverfahren und greift gezielt in die Verarbeitung ein. Beide Felder ergänzen sich; Fachkräfte arbeiten häufig kooperativ.
Welche Ausbildung qualifiziert für traumapädagogisches Arbeiten?
Anerkannte Zertifikatskurse vergibt unter anderem die Deutsche Gesellschaft für Traumapädagogik (DeGPT/Fachverband Traumapädagogik). Die Kurse umfassen meist 240 bis 300 Stunden über mehrere Module und richten sich an pädagogische, soziale und gesundheitliche Berufsgruppen.
Wie erkenne ich traumatisches Erleben bei Kindern?
Häufige Hinweise sind plötzliche Verhaltensveränderungen, Übererregbarkeit, Rückzug, Schlafstörungen, regressives Verhalten oder Konzentrationsprobleme. Eine pädagogische Beobachtung ersetzt keine Diagnose — bei Verdacht ist die Anbindung an Fachstellen (Beratungsstellen, kinder- und jugendpsychiatrische Praxen) angezeigt.
Gibt es ethische Grundsätze in der Traumapädagogik?
Ja. Zentral sind: der gute Grund — jedes Verhalten ergibt im Kontext der Geschichte Sinn; Wertschätzung der Persönlichkeit; Transparenz und Partizipation; Selbstfürsorge der Fachkraft; und das Recht auf Selbstbestimmung der Betroffenen.
Was ist ein „guter Grund“ in der Traumapädagogik?
Der gute Grund bezeichnet die Annahme, dass jedes Verhalten — auch wenn es problematisch erscheint — eine Funktion in der Geschichte der Person hat. Die traumapädagogische Aufgabe besteht darin, diesen Grund zu suchen, bevor das Verhalten bewertet oder sanktioniert wird.
Funktioniert Traumapädagogik auch bei Erwachsenen?
Ja. Auch wenn die Wurzeln in der Kinder- und Jugendhilfe liegen, hat sich Traumapädagogik längst für die Arbeit mit Erwachsenen geöffnet — in der Beratung, in Pflege, Eingliederungshilfe, Geflüchtetenarbeit und in Fortbildungen für Berufsgruppen, die mit traumatisierten Erwachsenen arbeiten.
Was ist sekundäre Traumatisierung — und wie schütze ich mich?
Sekundäre Traumatisierung beschreibt traumatypische Symptome bei Fachkräften, die wiederholt mit den Traumata anderer Menschen konfrontiert sind. Schutz entsteht aus regelmäßiger Supervision, strukturellen Entlastungen, kollegialer Unterstützung und individueller Selbstfürsorge. Eine ausführliche Darstellung findet sich im Beitrag zu sekundärer Traumatisierung bei Fachkräften.
Wo finde ich Hilfe bei einer akuten psychischen Krise?
Bei akuten psychischen Krisen ist die Telefonseelsorge kostenfrei und anonym rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 erreichbar. Bei akuter Suizidalität wählen Sie den Notruf 112. Termine für ambulante psychotherapeutische Akutsprechstunden vermittelt die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung (Tel. 116 117).
Bezug zur Fachliteratur
Die Beiträge auf diesem Portal stützen sich auf etablierte Fachliteratur zur Traumapädagogik und angrenzenden Disziplinen. Zentrale Werke und Autorinnen und Autoren, auf die wir uns regelmäßig beziehen:
- Wilma Weiß — Philipp sucht sein Ich. Zum pädagogischen Umgang mit Traumata in den Erziehungshilfen
- Bausum, Besser, Kühn, Weiß (Hrsg.) — Traumapädagogik. Grundlagen, Arbeitsfelder und Methoden für die pädagogische Praxis
- Marc Schmid — Beiträge zur stationären Jugendhilfe und traumasensiblen Pädagogik
- Andreas Krüger — Erste Hilfe für traumatisierte Kinder
- Luise Reddemann — Imagination als heilsame Kraft
- Bessel van der Kolk — Verkörperter Schrecken. Traumaspuren in Gehirn, Geist und Körper
- Stephen Porges — Polyvagal-Theorie und ihre Anwendung in der Psychotraumatologie
- Karl-Heinz Brisch — Bindungstheoretische Grundlagen für die deutsche Praxis
- Aktuelle Beiträge aus den Fachzeitschriften Trauma & Gewalt und Trauma — Zeitschrift für Psychotraumatologie
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