[2016] „Bitte Route neu berechnen!“ – Einige Gedankensplitter zu den Anschlägen in Würzburg und Ansbach im Juli 2016

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Foto: Timo Klostermeier / pixelio.de

© 2016, Martin Kühn

Am Montag, den 18. Juli 2016, bestieg ein junger 17-jähriger Mann einen Regionalzug in der Nähe von Würzburg. Er war vor einem Jahr als unbegleiteter Minderjähriger auf der Flucht nach Deutschland gekommen. Niemand konnte ahnen, dass er mit Axt und Messer bewaffnet in Kürze zum Täter eines schrecklichen Verbrechens wurde, als er eine vierköpfige chinesische Touristenfamilie und danach noch eine deutsche Passantin schwer verletzte, bevor er von einem SEK der Polizei erschossen wurde.

Am Sonntag, den 24. Juli 2016, versuchte ein 27-jähriger in Ansbach, in der Absicht ein Selbstmordattentat auszuführen, unerlaubt auf ein Musikfestival zu gelangen. Nachdem er am Eingang zurückgewiesen wurde, zündete er in einer nahegelegenen Gaststätte unter den BesucherInnen die vorbereitete Splitterbombe, die mehr als ein Dutzend anderer zum Teil schwer verletzte und ihn selber tötete. Der Täter war ein geduldeter Asylbewerber aus Syrien, der in Kürze von Abschiebung bedroht war.

Nach einem ersten eigenen Erschrecken und der tiefen Anteilnahme für die betroffenen Angehörige und FreundInnen der Verletzten kam die bittere Erkenntnis: Diese verstörenden und schrecklichen Taten wurden durch zwei Menschen begangen, die aus ihrer Heimat geflüchtet sind. Damit sind auch alle weiteren Überlegungen mitbedingt und -beeinflusst durch die gegenwärtige gesellschaftspolitische Debatte der letzten Monate über den richtigen sozialpolitischen Umgang mit Menschen im Kontext von Flucht und Vertreibung in unserem Land. Die Reaktionen aus Politik, Medien und sozialen Netzwerken haben auch nicht lange auf sich warten lassen und machen umso deutlicher, warum fachliche Stellungnahmen aus psychotraumatologischer Sicht in diesem Diskurs dringend notwendig sind. In den Medien wird hin und her diskutiert: Waren die Täter traumatisiert, psychisch labil oder Terroristen? Oder vielleicht beides? Dies werden die laufenden Ermittlungen zu klären haben. Egal was dabei herauskommen wird, es ist jedenfalls noch nicht abzusehen, welche Auswirkungen diese Anschläge auf die Arbeit von ehrenamtlichen und professionellen HelferInnen mit geflüchteten Menschen haben werden, erste Stellungnahmen von PolitikerInnen, Nachrichten in den Medien oder Rückmeldungen von KollegInnen lassen jedoch nichts Hilfreiches vermuten. Und es sind nicht nur rechtspopulistische Stimmen, sondern Äußerungen aus dem gesamten parteipolitischen Spektrum, die jetzt schon weitergehende Restriktionen und Verschärfungen im Umgang mit Geflüchteten fordern.

Was es spätestens nach Würzburg und Ansbach aus traumapädagogischer Sicht mit zu bedenken und zu diskutieren gilt:

  • traumatische Erfahrungen und Bedingungen im Herkunftsland und auf der erzwungenen Flucht sind für Geflüchtete mit Ankunft im Exilland keinesfalls beendet. Solange es im Exil keine bleibenden Sicherheiten gibt, ist die „Wunde des traumatisierten Patienten […] nicht etwa schlecht vernarbt, sondern offen, während weiterhin Gewebe zerstört wird. Therapeut [bzw. HelferIn; Anm. d. Verf.] und Patient leben im Universum dieses Gewebes. Sie stellen es dar, rekonstruieren und hinterfragen es. So sind und bleiben sie Teil des gesellschaftlichen Prozesses“ (Becker 2006, S. 146). PädagogInnen und TherapeutInnen stehen nie nur außen vor. Solange wir als professionelle HelferInnen unser Handeln also nicht auch als politisches Handeln begreifen, sind wir aktiver Teil eines restriktiven Systems, dass für die betroffenen Menschen mit Fluchterfahrungen oft weitere Gewalterfahrungen bedeutet. Dies wird u.a. bedingt durch:
    • mangelhafte muttersprachliche Kommunikation und Betreuung
    • mangelhafte medizinische, psychologische und pädagogische Erstversorgung
    • Erstunterbringung in Massenunterkünften mit unbestimmter Dauer, ohne ausreichenden Schutz für Minderjährige und Frauen
    • Verletzung nationaler und internationaler Rechtsgrundlagen (Genfer Flüchtlingskonvention, UNO-Kinderrechtskonvention, Grundgesetz, Asylrecht, KJHG, usw.) im Alltag
    • fehlende Traumasensibilität bei MitarbeiterInnen im Asylanerkennungsverfahren
    • kaum Möglichkeiten, dauerhaftes Bleiberecht zu bekommen
    • Rassismus, Sexismus und weitere Formen der Gewalt im sozialen Alltag, u.s.w.
  • Der 17-Jährige galt als gut integriert, aber Integration wird immer wieder auch von Fachkräften als Anpassung missverstanden. In den Monaten seit seiner Ankunft in Deutschland ist es ihm zumindest äußerlich erfolgreich gelungen, sich in der Fremde zurecht zu finden, aber „Das Opfer soll gut und rein sein, bereit, unsere Hilfe zu suchen und anzunehmen. Solche Charakteristiken passen [aber] besser zu einem Märtyrer als zu einem lebendigen verfolgten und gefolterten Menschen.“ (Becker 2006, S. 149) Die dunklen Seiten von Verletzung, Verzweiflung und Trauer in seinen Gedanken und Empfindungen sind nicht erreicht worden. All dies soll in keinster Weise seine schreckliche Tat rechtfertigen, aber es muss verstanden werden, was dazu führte, um den vielen anderen Kindern und Jugendlichen mit Fluchterfahrungen, die sich in unseren Hilfen und Maßnahmen befinden, wirklich zu helfen und weitere gewalttätige Reaktionen zu vermeiden.
  • „Ein Flüchtling, der ungeordnet, kühl distanziert, wirr oder bruchstückhaft über seine Foltererfahrungen berichtet, wäre glaubwürdiger, vorausgesetzt, man hat Interesse an seinem Leid und nicht nur an formaljuristischen Abläufen. Das freundliche Opfer sollte uns eher ängstigen als erfreuen. Für einen unbequemen, aggressiven, sogar verlogenen gefolterten Patienten könnte gelten, dass ihm ein Stück wahres Selbst, ein bisschen gesunde Aggressionsfähigkeit geblieben und es dem Folterer nicht gelungen ist, ihn gänzlich zu zerstören.“ (Becker 2006, S. 149) Wut und Aggression sind also natürliche Reaktionen auf erfahrene Gewalt, eine Erkenntnis, die in der Jugendhilfe auch bei jungen Menschen ohne Fluchterfahrungen schon immer zu beobachten war. Im Fall des Täters von Ansbach ist dieser Zusammenhang ebenfalls deutlich zu erkennen: Das Leben in Duldung stellt eine enorme anhaltende Bedrohungssituation für einen Menschen dar, der alles verloren hat und aufgeben musste. Selbst die Chance, sich eine neue Perspektive aufzubauen, blieb ihm in Deutschland verwehrt. Dem grauenhaften Verbrechen von Ansbach ging die Ankündigung seiner Abschiebung voraus…

Pädagogische HelferInnen müssen tagtäglich in Arbeitsfeldern wirken, die ständig durch Entscheidungen und Interventionen von außen in Abhängigkeit von Politik und Verwaltung beeinflusst, beeinträchtigt oder behindert werden. „Flucht und Exil können zwar neue Sicherheiten, Lernmöglichkeiten und Entwicklung eröffnen, sie sind aber auch Verlust des Heimatlandes und der sozialen Bezüge. Der Kontext, in dem das Leid noch irgendeinen rekonstruierbaren Sinn hatte, ist verloren. Was bleibt, sind Schuldgefühle und Trauer. Hinzu kommt, dass in vielen Aufnahmeländern neue Schrecken auf die Verfolgten warten, z.B. Asylantenheime oder -lager, Fremdenpolizei, Fremdenhass etc.“ (Becker 2006, S. 151). Professionelle Fachkräfte versuchen das Unmögliche im Möglichen, ohne bisher ausreichende Ressourcen zu erhalten, um eine ethische und humanistische psychosoziale Versorgung von Menschen mit Fluchterfahrungen zu gewährleisten.

Wir müssen als Gesellschaft daher unsere Route im Umgang mit schutzsuchenden Menschen neu berechnen. Es gilt zu begreifen, dass unreflektierte Hilfen für Menschen mit Fluchterfahrungen selber einen nicht unerheblichen Gewaltanteil darstellen, denn „satt und sauber“ alleine reicht nicht. Genauso wichtig ist es in Pädagogik und Therapie aber auch, darauf zu achten, sich nicht vorschnell mit populistischen Erklärungen zufrieden zu geben, denn der einzelne Mensch muss als individuelles, soziales und kulturell-historisches Wesen verstanden werden. Ein erster notwendiger Schritt ist die flächendeckende Vermittlung psychotraumatologischen Grundwissens für ehrenamtliche und professionelle HelferInnen und DolmetscherInnen von Menschen mit Fluchterfahrungen, sowie regelmäßige Fachberatung und Supervision. Ebenso ist die traumatherapeutische Versorgung in Deutschland absolut unzureichend und muss dringend erweitert werden. Professionelle Fachkräfte, die Menschen mit Fluchterfahrungen betreuen, müssen sich als psychosozial und politisch handelnd verstehen, denn eine Traumatisierung durch Flucht und Verfolgung findet immer in einem „dialektischen Bezug zwischen psychischen und sozialen Prozessen“ (Becker 2006, S. 142) statt. Wird die Traumatisierung allein als psychische Erkrankung des Einzelnen verstanden, die mitursächlichen sozialen Prozesse jedoch ignoriert, können auch sogenannte „Hilfen“ selber von den Betroffenen als gewalttätig erfahren werden, denn unsere soziale, gesellschaftliche und politische Realität ist Teil des Problems, was mit hervorbringt, was hinterher beklagt und bekämpft wird. Dafür braucht es ausreichende Reflexionsräume und Ressourcen für die professionellen HelferInnen, um in diesem Feld vielschichtiger Widrigkeiten wirksam sein zu können. Zumindest braucht es einen aktiven Widerstand gegen eine entmenschlichende Sprache in der Politik, in den Medien, im Alltag, die Menschen mit Fluchterfahrungen zu „tickenden Zeitbomben“, zur „Flut“ oder „Katastrophe“ erklärt, um den populistischen, radikalen Projektionsflächen, wie sie z.B. AFD, NPD oder IS anbieten, den Nährboden zu entziehen. Was diese Zeiten brauchen, sind nicht noch mehr Restriktionen, höhere Zäune und Mauern, sondern mehr Fachlichkeit und Menschlichkeit…

Über die Gewalt: Der reißende Strom wird gewalttätig genannt.
Aber das Flussbett, das ihn einengt, nennt keiner gewalttätig.
Der Sturm, der die Birken biegt, gilt als gewalttätig.
Aber wie ist es mit dem Sturm, der die Rücken der Menschen biegt?
(nach Bertolt Brecht)

Literatur:
Becker, D. (2006): Die Erfindung des Traumas; Edition Freitag, Berlin
Brecht, B. (2008): Die Gedichte; Insel-Verlag, Berlin