[2000] Systematische Verhaltensbeobachtung – ein Fallbeispiel

kids3© Martin Kühn

Die Entschlüsselung kindlichen Verhaltens durch Beobachtung

Systematische Verhaltensbeobachtungen werden i.d.R. als Voraussetzungen für eine nachfolgende verhaltenstherapeutische Maßnahme eingesetzt. Ich verstehe mich nicht als Vertreter eines verhaltenstherapeutischen Kontextes, möchte aber an einem Fallbeispiel zeigen, dass Systematische Verhaltensbeobachtung, auch in anderen Zusammenhängen, eine wirksame Methode sein kann, schwieriges, unangepasstes kindliches Verhalten verständlich zu machen und notwendige pädagogische Interventionen zu planen.

Diese Darstellung ist keine umfassende Einführung in die verschiedenen Techniken und Methoden der Verhaltensbeobachtung. Das wäre hier auch nicht der richtige Platz. Es bedarf einer eingehenden Beschäftigung mit der entsprechenden Literatur, Übung und Erfahrung, um Verhaltensbeobachtung erfolgreich einsetzen zu können. Dieser Artikel soll daher ein erster Anreiz sein, sich auf die spannende Forschungsreise in kindliche Verhaltensweisen zu begeben.

Doch zunächst ein Zitat: „Brauchbar im Sinne einer objektiven Vh-B. (= Verhaltensbeobachtung; Anm. d. Verf.) ist nur eine Aussage darüber, was exakt beobachtbar und bestimmbar ist und zwar so, daß jeder andere Beobachter das in vergleichbarer Weise dem Beobachteten entnehmen kann.“ (FEUSER, 1982)

Nun wäre natürlich erstmal zu klären, wie dieses Verständnis von Objektivität aus konstruktivistischer Sichtweise verstanden werden kann. Ich möchte diesen Begriff daher im Folgenden im Sinne von Reproduktion der Beobachtungsergebnisse und größtmöglicher Kongruenz wiederholter Verfahren verstanden wissen.

„Die Vh-B. erfordert dementsprechend:

  • eine deskriptive Beschreibung
  • ohne Wertung
  • ohne Interpretation
  • ohne normative Vergleiche mit etwas Erwartetem, Erhofften, Gedachten, o.ä.

Um diese Faktenbeschreibung zu erreichen und einen höheren Grad an Objektivität zu sichern, ist es angezeigt, daß die Beobachtung

  • nach einem Raster (Kriterien) erfolgt, das gewonnen und festgelegt wird, und daß
  • viele Beobachter bei
  • wiederholten Beobachtungen möglichst
  • zum gleichen Ergebnis kommen.“ (FEUSER, ebd.)

Doch nun zum Fallbeispiel…

Der Unruhestifter

Tim (Name geändert; Anm. d. Verf.) ist 4 Jahre alt. Im Rahmen einer Jugendhilfemaßnahme ist er in einer Tagesgruppe für Vorschulkinder untergebracht. Die Gruppe und er haben es beide nicht leicht miteinander…

Tim gilt als noch nicht kindergartentauglich und schon nach zwei Wochen in der Tagesgruppe scheint auch dies kein angemessener Rahmen für ihn zu sein. Die ErzieherInnen sind ratlos. Tim kann nur über Schubsen oder Schlagen (auch mit Gegenständen) Kontakt mit den anderen Kindern in der Gruppe aufnehmen, zudem „nervt“ er durch stereotypes Sprechen und Verhalten, z.B. ständiges Bedienen des Lichtschalters, Ratschen mit Gegenständen an den Rippen der Heizkörper entlang, ständig dieselben Fragen, auf die er immer nur dieselben Antworten akzeptiert. Gruppenaktionen, z.B. im Stuhlkreis, hält er nur unter Mühen aus. Es kommt zu ersten kritischen Bemerkungen anderer Kindeseltern, die ihre Kinder, die zum Teil jünger sind, gefährdet sehen. Es entsteht der Eindruck im Team, dass Tim in der Gruppe unzufrieden und überfordert ist.

Im Rahmen einer Fallbesprechung mit einer externen Fachkraft wird eine umfassende Verhaltensbeobachtung beschlossen. Diese soll sich in vier Schritten vollziehen:

  1. Ausführliche Vorbesprechung und Anamnese der bisherigen Entwicklung
  2. Durchführung einer unsystematischen Verhaltensbeobachtung
  3. Durchführung von systematischen Verhaltensbeobachtungen
  4. Auswertung und Planung

Das Verfahren wird sich also über einige Wochen hinziehen, bemerkenswert ist die Bereitschaft des Teams diese zusätzliche Anforderung mitzutragen.

1. Schritt: Die Vorbesprechung

Zunächst werden in einem Brainstorming Gedanken, Erfahrungen und Eindrücke der ErzieherInnen zusammengetragen. Dabei ergeben sich sehr bald zwei Fragestellungen als Schwerpunkt:

  • Ist Tim hier richtig, akzeptiert er seine Gruppenzugehörigkeit?
  • Wo und wann taucht sein Störverhalten auf, und warum?

Wie zu sehen ist, bricht die erste Fragestellung mit dem Anspruch der Unvoreingenommenheit, wie sie in der Einleitung postuliert worden ist, denn in ihr steckt bereits eine vorwegnehmende, ergebnisorientierte Sichtweise. Ich halte dies auch für akzeptabel, da das Ignorieren von Meinungen, Haltungen und Bildern, die im System „Tagesgruppe“ bereits vorhanden oder in Entwicklung befindlich sind, in Phase 4, der Auswertung und weiteren Planung, zu erheblichen Störungen und Beeinträchtigungen führen können, wenn sie nicht bewußt zum Thema gemacht werden.

Doch nun zurück zum Fallbeispiel:

Die Beschäftigung mit Tims Biographie und Anamnese ergibt u.a. folgende Erkenntnisse: Unter schwierigen sozialen und familiären Bedingungen hat Tim mit grundlegenden Entwicklungsverzögerungen zu kämpfen. Eine zweijährige Frühförderung vom 1. bis zum 3. Lebensjahr kann wirksam dazu beitragen, dass Tim motorische und sprachliche Schwierigkeiten konstruktiv angehen kann. Die Frühförderung endet mit der Kindergartenempfehlung, damit er sich, mit Hilfe einer Stützkraft, nun Kompetenzen im sozialen Kontext aneignen kann. Die Eingliederung scheitert jedoch und führt zur Unterbringung in der Tagesgruppe. Die Frage taucht im Team auf, ob Tim eventuell Autist ist, dies wird jedoch durch ein kinderärztliches Gutachten widerlegt, auch wenn sein stereotypes Verhalten teilweise Ähnlichkeiten mit den Verhaltensweisen autistischer Kinder zeigt. Sein Sozialverhalten in der Gruppe lässt eher darauf schließen, dass er Kontakt sucht und nicht vermeidet, wenn auch mit inadäquaten Mitteln.

2. Schritt: Die unsystematische Beobachtung

Sie dient der Vorbereitung der systematischen Verhaltensbeobachtung. Ausgehend von dem bereits im Entwurf vorhandenen zu beobachtenden Kriterienkatalog aus der ersten Phase, bietet sie die Möglichkeit diesen Katalog zu korrigieren oder zu variieren.

Mit Hilfe eines Formblattes werden verschiedene Spiel- oder Gruppensequenzen zu verschiedenen Zeitpunkten erfasst.

SequenzKategorieSituationVerhaltenKonsequenz
1
2
3

 

Schon die Auswertung dieser Bögen zeigt, dass Tim über ein deutliches, voneinander abzugrenzendes Verhaltensrepertoire verfügt. Zudem ergibt sich ein Aufschluss über die klare Bestimmung zu beobachtender Verhaltenskategorien. Die Nachbesprechung der unsystematischen Verhaltensbeobachtung im Team führt zu einer Fokussierung auf die wirklich wichtigen Kriterien für eine systematische Verhaltensbeobachtung. Es wird beschlossen, die systematische Verhaltensbeobachtung, anhand der Fragestellungen vom Beginn, zweigleisig laufen zu lassen.

3. Schritt: Die systematische Beobachtung

Die MitarbeiterInnen des Teams beschließen, eine vierwöchige Verlaufsbeobachtung seiner Befindlichkeiten bzw. seiner Stimmungen im Gruppenalltag. Diese soll Antwort auf die erste Fragestellung geben:  Ist Tim hier richtig, akzeptiert er seine Gruppenzugehörigkeit? Dazu verwenden sie einen Tagesbogen, der einen Gruppentag in 15-Minuten-Abschnitten abbildet. Das Team einigt sich zudem auf eine Stimmungsskala von -3 bis +3 (aggressiv bis fröhlich).

9:009:159:309:4510:0010:1510:30
fröhlichXX
ausgelassenX
unbeteiligtXX
verwirrt
gereiztXX
zornig
aggressiv…usw.

Alle Viertelstunde bewerten mindestens zwei ErzieherInnen Tims emotionale Befindlichkeit. Dadurch wird gewährleistet, dass die eine subjektive Einschätzung durch die zweite korrigiert werden kann. Dies erfordert eine hohe Disziplin und Bereitschaft, um zu verwendungsfähigen Ergebnissen zu kommen.

Die zweite Beobachtungssequenz wird von externen Fachkräften durchgeführt. Zuvor wurden im Team auf Grundlage der unsystematischen Verhaltensbeobachtung vier zu beobachtende Kategorien herausgearbeitet: Stereotypien (z.B. visuell, verbal), Störverhalten (bezogen auf Gegenstände, bezogen auf Kinder), Spiel (isoliert, sozial), Interaktion (Ansprache, gelungene oder misslungene Reaktion). An drei verschiedenen Tagen werden insgesamt 12 Beobachtungen (zu jeder Kategorie drei) an zufällig gewählten Tageszeiten durchgeführt. Im Rahmen einer diskontinuierlichen Beobachtung – d.h. es findet keine durchgängige Beobachtung über einen längeren Zeitraum statt, sondern jede Beobachtung dauert nur ca. 15 Minuten – werden die Daten in 10-Sekunden-Schritten erhoben. So kann Datenmaterial über drei Stunden insgesamt erhoben werden. Dazu wird wieder ein besonders vorbereitetes Formblatt benutzt, dass jeweils in 10, 20, 30, 40, 50 und 60 Sekundenabschnitten den Zeitraum von 5 Minuten erfasst:

Beispiel: Kategorie Spiel

Kat./Zeit012
Spiel106010601060
isoliertXXX
sozialXXX

Mit der Stoppuhr auf dem Schoß wird nun alle 10 Sekunden eine Bewertung dieser Kategorie gemacht. Wie bereits am Anfang erwähnt, erfordert dies einige Übung, da eine hohe Konzentration über den zu beobachtenden Zeitraum erforderlich ist. Auch hier ist es sinnvoll, mit zwei BeobachterInnen zu arbeiten. In der Fachliteratur wird von einer Verwertbarkeit des Datenmaterials ausgegangen, wenn die Übereinstimmung beider BeobachterInnen > 80 % beträgt (FEUSER, 1982).

4. Schritt: Die Überraschung am Ende

Es hat sich gelohnt, all der zeit- und personalintensive Aufwand hat bemerkenswerte Erkenntnisse gebracht. Das vorliegende Datenmaterial wurde für die Auswertung zum besseren Verständnis in Diagramme umgewandelt(endlich mal ein Argument, warum auch PädagogInnen Tabellenkalkulationen brauchen :)!; Anm. d. Verf.)

Zunächst werden die Daten der Tageserhebungen durch das Team verarbeitet. Als Beispiel hier die grafische Darstellung seines Emotiogrammes, das wie folgt aussieht:tim_tagDie Grafik drückt eine große Unruhe aus, es ist sehr viel Bewegung in ihr abgebildet. Es gibt keine einheitlichen, sich wiederholenden Muster, ein Hinweis darauf, dass Tim sich einem permanten Dauerstress befinden muss, da er nie wissen kann, wie die nächste Stunde für ihn verläuft. Trotzdem ist deutlich, dass die beiden postiven Kategorien (fröhlich-ausgelassen) eindeutig überwiegen, nur an zwei schlechten Tagen gehen sie auf Anteile bis zu 40 % herunter, ansonsten erreichen sie Werte bis fast 90 %! Und diese Tendenz ist in den vier Wochen der Beobachtung steigend! Zudem kann Tim zunehmend zwischen positiven und negativen Gefühlen differenzieren, die unklaren Kategorien (unbeteiligt-verwirrt) nehmen deutlich ab. Die Frage, ob Tim seine Gruppenzugehörigkeit akzeptiert bzw. von ihr profitiert, kann also grundlegend bejaht werden.

Der zweite Beobachtungsstrang ergibt folgendes Ergebnis: Tim zeigt ein übermäßiges Potential an verbalen Stereotypien, dies wirft die Hypothese einer Wahrnehmungs- oder Informationsverarbeitungsbeeinträchtigung auf. Sein Störverhalten in Bezug auf andere Kinder überwiegt. Sozial angemessene Kontaktaufnahme kann er auf Ansprache durch die Erwachsenen nur imitieren, damit scheint sich die anfängliche Hypothese der Störung als Kontaktversuch zu bestätigen. Er ist auch im Spiel nicht in der Lage, soziale Kontakte herzustellen, sondern flüchtet sich immer wieder in isolierte Situationen, die ihm vertrauter sind und mehr Sicherheit, d.h. weniger Konflikte, bedeuten. Die Beobachtung seiner Interaktion auf Ansprache durch die ErzieherInnen ergibt jedoch, dass er positiver reagieren kann, je öfter bzw. enger der Kontakt zum Erwachsenen ist.

Fazit: Tims Interesse an der Gruppe wird anerkannt. Die Haltung der MitarbeiterInnen zu ihm verändert sich durch die Beobachtungen, er ist nicht mehr das Kind, das immer nur stört. Das Team beschließt, dass er durch eine BezugsbetreuerIn ständig eine AnsprechpartnerIn zur Verfügung hat. Die MitarbeiterInnen achten pointiert auf Gruppen- und Einzelangebote, Bewegungs- und Ruheräume für Tim. Der Kontakt mit Gleichaltrigen wird angebahnt und begleitet, so gelingen ihm positive, anerkannte Begegnungen mit anderen Kindern. Er kann sich neue Handlungs- bzw. Tätigkeitsniveaus aneignen, dank der engen Begleitung und Versicherung durch (erwachsene) Stützpersonen.

Nach drei Jahren verlässt Tim die Gruppe und wechselt in eine Sonderlerngruppe für lernbehinderte Kinder an der örtlichen Grundschule…