[2004] „Aktenkinder, Kinderakten“

akte© Martin Kühn

Am Anfang einer Kinder- und Jugendhilfemaßnahme ist die Akte neben ausführlichen persönlichen Gesprächen mit dem zuständigem Jugendamt und den Erziehungsberechtigten eine wichtige Grundlage zur Planung und Gestaltung einer „Hilfe zur Erziehung“.

Sollte sie zumindest…

Die Wirklichkeit ist leider all zu oft eine andere. Wenn man sich die Berichte und andere Dokumente in einer Akte genauer anschaut, sind dies häufig Zuschreibungen, Be- oder „Verurteilungen“, die ein Kind schwieriger erscheinen lassen, je dicker die Akte ist.

Sobald die Kinder- und Jugendhilfemaßnahme angelaufen ist, sind wir als professionelle BetreuerInnen und PädagogInnen selber aktive MitgestalterInnen dieser Akte. Es gehört zu unserer Arbeit, weiteres Material für die Kinderakte zu erstellen. Hilfe- und Erziehungsplanungsprotokolle, Entwicklungsberichte, Gesprächs- und Fallbesprechungsprotokolle, solange eine „Hilfe zur Erziehung“-Maßnahme läuft, sind wir mitverantwortlich, für das, was in die entsprechende Kinderakte kommt. Also Zeit, sich einmal anzuschauen, was an offiziellen Stellungnahmen Tag für Tag, Woche für Woche zusammentippt wird…

Im Folgenden möchte ich daher auf einige wenige wichtige Voraussetzungen hinweisen, um zu verhindern, dass Kinder oder Jugendliche durch die Verschriftlichung pädagogischer Maßnahmen durch professionelle HelferInnen zusätzlich belastet, (vor-)verurteilt und abgestempelt werden.

Zunächst: „Jede Beobachtung, Vermutung, Hypothese ist eine subjektive Wahrnehmung der beschreibenden, professionellen Person.“ D.h., die Festschreibungen in einem „offiziellem“ Bericht, sind immer als eine persönliche Sichtweise des/der Beobachtenden und im entsprechenden Kontext zu sehende Mitteilung an den Rest der Welt.

Als VerfasserIn einer aktenkundlichen Mitteilung bin ich also damit mitverantwortlich für die Be-/Zuschreibung eines Kindes, eines/r Jugendlichen, die auch noch Jahre später entsprechende Weichen oder Perspektiven festlegen kann. Klingt nicht nur so, sondern ist damit auch eine große Verantwortung, die in der täglichen Arbeit zu tragen und zu erfüllen ist…

Im Dreischritt zur Dokumentation

Einen wertschätzenden, konstruktiven Bericht zu schreiben, ist gar nicht so schwer. Grundlegend ist zunächst die Klärung der eigenen inneren Haltung, mit der ich an die Aufgabe herangehe: „Was will ich mit meinem Schreiben bewirken? Welches Ziel verfolge ich damit?“ Für den Verlauf der Verschriftlichung sind folgende drei Schritte hilfreich und sinnvoll:3schritt

  1. Kontext: Wem ist was wo aufgefallen? Geht es um den Gruppenalltag, das Freizeitverhalten oder die schulische Umgebung? Welche KollegInnen oder andere Fachkräfteteilen die Erkenntnis? Gibt es zeitliche Zusammenhänge (Tageszeiten, Wochentage, usw.) oder bestimmte personelle Konstellationen (Kind – MitarbeiterInnen, Gruppenzusammensetzung, usw.), in denen das Beschriebene vermehrt auffällt?
  2. Beobachtung/Beschreibung/Dokumentation: Verallgemeinernde Formulierungen sind zu vermeiden, wie z.B. „Kind XY ist ständig aggressiv“ oder „…ist absolut unkonzentriert“, usw. . Stattdessen ist zu beschreiben, wie die Erkenntnis gewonnen wurde: Welche Methode wurde eingesetzt? Wurde eine (un-)systematische Verhaltensbeobachtung angewandt? Welche andere diagnostischen Methoden kamen zum Einsatz? Evtl. vorhandene Beobachtungs- oder Diagnostikbögen sollten, wenn sinnvoll, als Anlage beigelegt werden. Um den Arbeitsaufwand zu verringern, sind standartisierte Gliederungen, Formulare oder Vorlagen für verschiedene Berichtsarten hilfreich. So muss nicht immer zu Beginn von Neuem überlegt werden, wie der Bericht gestaltet werden muss und es ist ein einheitliches Erscheinungsbild vorhanden, egal welche MitarbeiterIn dieses Dokument verfasst hat.
  3. Erklärung/Hypothese: Die Erkenntnisse, die in einem Berichtsdokument festgehalten werden, dienen der Entwicklung neuer pädagogischer Förderkonzepte. Jede Beschreibung erfordert daher einer Interpretation, um zu einer neuen Handlungsgrundlage zu werden. Die Feststellung bzw. Beschreibung, das Kind ist z.B. „aggressiv“, erfordert daher die Klärung, welche Gründe evtl. für dieses Verhalten vorhanden sind. Ist Angst die Ursache? Verzweiflung, Trauer, Wut? Je nachdem, wie solch eine Hypothese oder Erklärung ausfällt, ergeben sich entsprechend andere Handlungsperspektiven für den pädagogischen Alltag. Hilfreich und wichtig ist der fachliche Austausch mit KollegInnen in der Team- oder Fallbesprechung, um zu verschiedenen Erklärungsmodellen zu kommen und damit Stigmatisierung und Schubladendenken zu verhindern.

Schlussbemerkung

Jedes offizielle Schreiben, jeder (Entwicklungs-/Förder-)Bericht, jedes Hilfeplanprotokoll landet in der Kinderakte. Je nachdem wie alt das Kind ist, befinden sie sich dort oft viele Jahre. In der Verschriftlichung professioneller Hilfen liegt demnach eine große Verantwortung für die Zukunft des betroffenen Menschen.

Um dieser Verantwortung gerecht zu werden, sind daher m.E. zwei abschliessende Fragestellungen eine wichtige Hilfe in der Beurteilung eines Berichtes:

  • „Was denkt eine KollegIn über ein Kind, die/der diesen Bericht vielleicht in 5 Jahren lesen wird? Wird es eine Unterstützung oder ein Hindernis zum Verständnis des Kindes sein?“ (META-Perspektive)
  • „Was würde ich denken bzw. wie würde es mir beim Lesen gehen, wenn es ein Bericht über mich selber wäre?“ (INTRA-Perspektive)

Fallen die Antworten zufriedenstellend aus, können wir der Akte eines Kindes guten Gewissens einige neue Blätter zukommen lassen… 🙂