[1996] Wenn Kinder durchdrehen… – oder Anmerkungen zur Entstehung von Verhaltensauffälligkeiten

© Martin Kühn

Einstiegsreferat auf einem Elternabend im Kindergarten

Wenn ein Kind anders ist als die anderen,
 weil es ständig herumhibbelt… 
 sich nie an die Regeln hält…
 schnell aufbraust…
 ständig andere Kinder schlägt oder Sachen zerstört…
 …dann hat das seinen Grund.

Solche Kinder bekommen schnell das Etikett verhaltensauffällig oder verhaltensgestört. Das Zusammenleben mit ihnen in einer Gruppe ist anstrengend und von ständigen Konflikten begleitet. Ist die Geduld, Phantasie und Ausdauer der ErzieherInnen am Ende, gelten diese Kinder als nicht tragbar und es werden andere Einrichtungen gesucht, die angeblich besser dafür eingerichtet sind, mit solchen Kindern zu arbeiten. Die Folge ist eine ständige Verfeinerung der Sondermaßnahmen, um ein Problemkind in den Griff zu bekommen. Meine Erfahrungen haben gezeigt, daß solch eine Vorgehensweise nicht unbedingt erfolgversprechend ist. Die mißbilligten Verhaltensweisen des Kindes verschwinden selten, ja oft ändern sie sogar ihre Intensität und Qualität im negativen Sinne. Wenn dem so ist, dann muß es einen anderen Weg geben, mit diesen Kindern zu leben und zu arbeiten, sei es in der Familie, im Kindergarten oder auch in der Schule…

Eine Möglichkeit für ein anderes Verständnis möchte ich hier darstellen: In Anlehnung an W. Jantzen gehe ich davon aus, daß jeder Mensch in der Gegenwart die geronnene Geschichte seiner Tätigkeit aus der Vergangenheit ist, d.h. jedes Verhalten – auch sogenanntes auffälliges – wird in der Geschichte eines Kindes individuell angeeignet und erlernt. Das auffällige Verhalten sichert somit sozusagen das Überleben in einer unbekannten Zukunft, weil es für das Kind sinnhaftes Verhalten ist.

Die Frage bleibt jedoch, wie kommt es dazu? Dazu ist es notwendig, sich zunächst einmal anzuschauen, wie sich das Mensch-Werden vollzieht. Jeder Mensch, egal welchen Alters, welchen Geschlechts, welcher Hautfarbe strebt danach zwei Grundbedürfnisse zu befriedigen: dies ist das Bedürfnis nach der Einheit der Gattung (Gemeinschaft: „Ich will nicht alleine sein!“) und das Bedürfnis nach Arbeit (aktive Aneignung der Welt: „Ich will lernen!“). In jeder Lebens- und Entwicklungsphase wird auf unterschiedliche Art und Weise nach einer Befriedigung dieser beiden Grundbedürfnisse gestrebt, egal ob ich 6 Monate oder 60 Jahre alt bin. Selbst ein neugeborener Säugling hat hier Schwerstarbeit zu leisten!

bedurf(Abb. 1)

Die Existenz eines Säuglings ist zunächst durch die sogenannten AAM’s (=Angeborene AuslöseMechanismen) abgesichert. Da er entwicklungsbedingt noch nicht selbst in der Lage ist, für die Befriedigung seiner Bedürfnisse zu sorgen, müssen andere Absicherungen greifen: die AAM’s. Ein Beispiel dafür ist das Kopfabwenden von Neugeborenen, wenn sie angelegt werden. Die Mutter ist gezwungen, den Kopf immer wieder zurückzudrehen, die erste Form von Kommunikation mit der Umwelt ist vollbracht. Die Mutter vermittelt dem Neugeborenen durch ihre Handlung ein Stückchen Umwelt, das seine Spuren im Erinnerungsvermögen des Babys hinterläßt. Auf diese Erfahrung greift das Kind zurück, um in Zukunft seine Existenz zu sichern: Nur hier bekomme ich Nahrung und auf diesem oder jenem Wege wird mein Bedürfnis gestillt! Ein anderes Beispiel ist das Lächeln des Säuglings. Im Vergleich zum Kopfabwenden ist es schon ein hochkomplexer kommunikativer Vorgang: Das Lächeln des Kindes weckt ein  sogenanntes Versorgergefühl im Gegenüber, das dafür sorgen wird, daß die Existenz des Kindes gesichert und gewahrt bleibt. Zudem wird an diesen Beispielen deutlich, daß Umwelt in den ersten beiden Lebensjahren vermittelt werden muß. Das Kind bedient sich sozusagen der sorgenden Person. Deshalb wird in der Fachsprache auch an dieser Stelle von der Objektbeziehung geredet, d.h. das Kind nutzt sein Gegenüber als Instrument, als Objekt, um die Befriedigung seiner Bedürfnisse zu gewährleisten.

Zwischen dem 2. und 3. Lebensjahr kommt es zu einem massiven, qualitativen Umbruch: Mittlerweile hat das Kleinkind die grundlegenden Fähigkeiten im kognitiven Bereich (Sprache), sowie im motorischen Bereich (Gehen) gelernt. Nun vollzieht sich ein Übergang. In der Fachliteratur, egal welcher Schule, wird diese Phase besonders gekennzeichnet. Am bekanntesten ist der analytische Begriff der beginnenden Trotzphase. Eine m.E. besonders schöne Bezeichnung hat der sowjetische Neuropsychologe Leontjew gefunden: Er bezeichnet diesen Übergang als die erste Geburt der Persönlichkeit.

geburt(Abb. 2)

Das Kind beginnt sich und sein Gegenüber als Individuum zu begreifen. In dieser Zeit lernen Kinder in Begriffen wie Ich und Du zu denken und zu sprechen. Außerdem fangen sie an, das Wort „Nein“ angemessen zu benutzen. All dies ist ein Ausdruck dafür, daß sich nun auch die Beziehungen verändern. Sie sind nicht länger nur instrumentell, sondern werden individuell. Ich bin nicht mehr das Werkzeug des Kindes, sondern werde Partner, Freund, Beschützer. Die Objektbeziehung verwandelt sich in eine Subjektbeziehung.

All dies setzt eine optimale Entwicklungsumgebung für das Kind voraus. Das dies nicht für jedes Kind der Fall ist, wissen wir alle. Kinder, die nur unter sehr erschwerten oder fast unmöglichen Bedingungen diese Entwicklungsschritte gehen müssen, werden auch etwas andere Erfahrungen an dieser Stelle machen. Bei Kindern mit sogenannten Verhaltensauffälligkeiten sind sehr häufig solche erschwerten Startbedingungen festzustellen. Ein Kind, daß sich unter erschwerten Bedingungen entwickelt, strebt aber genauso nach der Befriedigung der beiden Grundbedürfnisse, wie jeder andere Mensch auch. Allerdings sind die Bedingungen der Aneignung der Umwelt nicht so gradlinig, wie es sein sollte. Oftmals muß sich das Kind seine Umwelt auf Umwegen aneignen. Die Hypothese, die ich an dieser Stelle in den Raum stellen möchte, ist, daß solche Kinder den wichtigen Schritt der ersten Geburt der Persönlichkeit noch nicht oder nicht vollständig vollzogen haben!

Oft sind diese Kinder in ihren ersten beiden Lebensjahren stark isolierenden Bedingungen ausgesetzt gewesen, d.h. nur mangelhaft versorgt worden, haben wenig Zuneigung erlebt oder nur sehr wenig fördernde Anregungen von außen durch Bezugspersonen erfahren. Fähigkeiten, mit der Umwelt in einen angemessenen Dialog zu treten, konnten nur teilweise oder ansatzweise entwickelt werden. Menschliches, und damit auch kindliches, Leben ist aber auf Verständigung, Kommunikation hin angelegt. Ein Kind, das sich aber nicht angemessen mitteilen kann oder darf, wird sich andere Wege suchen, um zu zeigen, daß es da ist, sich der Absicherung seiner Grundbedürfnisse zu versichern (s.o.). So ist z.B. auffälliges Verhalten bei Kindern als Form der Kommunikation zu verstehen, die – zumindest teilweise – von der Ebene der Objektbeziehung her vollzogen wird und nicht als störendes, wegzutherapierendes Verhalten. Wenn solch ein Kind im Dialog mit uns alternative Formen der Verständigung erleben und entwickeln kann, werden Auffälligkeiten von selbst verschwinden. Kein Kind wird als Monster geboren, es entwickelt lediglich Verhaltensformen und Kommunikationsmuster, die ihm nützlich und sinnhaft erscheinen, ein zukünftiges (Über-)Leben zu sichern!

Besonders heikel wird die Situation für Kinder, die altersmäßig eigentlich diese Erste Geburt der Persönlichkeit schon hinter sich haben müßten, also z.B. Kindergarten- oder Vorschulkinder. Ihre Umwelt, z.B. die Kindergartengruppe, erwartet von ihnen, daß sie sich an Regeln halten können, sei es beim Spielen oder sonst im Gruppenleben. Was ist aber, wenn sie diese Erwartung nicht erfüllen können, wenn sie letztenendes erleben müssen, daß kein anderes Kind mit ihnen spielen will und die Erwachsenen ständig nur ermahnen, korrigieren oder bestrafen? In diesem Teufelskreis der Ablehnung, des Sich-Nicht-Mitteilen-Könnens und des Alleinseins reagieren diese Kinder mit Verhaltensweisen, die als störend gelten und wegzutherapieren sind, bedingt durch eine abgrundtiefe Verzweiflung.

Der Schluß ist daher berechtigt, zu sagen, daß eine Verhaltensauffälligkeit eigentlich ein Kommunikationsproblem ist. In diesem Sinne gibt es also auch keine Verhaltensstörung eines einzelnen Kindes, ein Begriff, der leider auch in Fachkreisen immer noch üblich ist. Es gibt nur Störungen der Verhältnisse, in denen ein Kind leben muß!

Gegen die Störung der Verhältnisse gibt es nur ein Mittel:
Die Sprache des Kindes zu lernen!


Literaturempfehlung:
REDL/WINEMAN: „Kinder, die hassen“, Piper-Verlag
REDL/WINEMAN: „Steuerung des aggressiven Verhaltens beim Kind“, Piper-Verlag
JANTZEN: „Verhaltensgestört – Was tun?“, in: Behindertenpädagogik, 03/1996