[2000] Die Angst der Parkuhr unterwegs einem Eisberg zu begegnen...
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[2000] Die Angst der Parkuhr unterwegs einem Eisberg zu begegnen…

experts2© Martin Kühn

Annäherungen an eine kindliche Biografie

Vor mir liegt die Aufnahmeanfrage für einen zehnjährigen Jungen auf dem Schreibtisch. Alle Achtung, denke ich, für seine zehn Jahre hat er es schon zu ziemlich viel Papier in seiner Akte gebracht. Ich bin gespannt auf unsere erste Begegnung. In zwei Tagen ist es soweit. Kleines Monster oder Kuscheltiger?

Ich nutze die zwei Tage, um mir aus den Berichten und Gutachten ein möglichst genaues Profil des Aktenkindes zu erstellen. Dazu gebrauche ich persönlich seit einiger Zeit die MindMap-Methode, so bekomme ich eine visualisierte Darstellung auf einem DIN-A4-Blatt, an der ich mich jederzeit auf einen Blick in der weiteren Planung orientieren kann. Mich interessiert, wie andere Fachkräfte dieses Kind betrachten, mit welchen Bildern wurde dieses Kind von KollegInnen auf den weiteren Weg geschickt? Die Bilanz ist zwiespältig, mein Interesse, dieses Kind real kennzulernen ist jedoch erst recht geweckt.

Die Kunst der Akte

Je länger ich mich beruflich mit diesem Bestandteil meines Jugendhilfealltags befassen muss, desto mehr gelange ich zu der Erkenntnis, dass das Schreiben und Verfassen von Gutachten und Berichten für die Kinderakten eine Kunst ist. Sprich, es erfordert viel Üben, Talent und Erfahrung, um ein realitätsbezogenes Bild des Kindes zu bieten, ohne die Würde dieses Menschen zu verletzen.

Viele Inhalte von Kinderakten, die ich bislang in den Händen hatte, entsprechen diesem Vorsatz in keinster Weise! Defektorientierte Sichtweisen finden sich leider bis zum heutigen Tage zuhauf. Diese prägen, oft über viele Jahre lang, das gültige Bild des Kindes. Wenn es ganz hart kommt, das Bild ganzer Familien.

Ich denke, wir müssen uns bewusst machen, dass es sich dabei immer nur um Ab-Bilder handelt. Um Eindrücke, Einschätzungen und Sichtweisen von ExpertInnen, die dieses Bild von ihrem Gegenüber im Kontext ihrer eigenen Vorstellungswelt kreieren. Dabei immer in der Gefahr, die Wirklichkeit des Menschen gegenüber nur zu streifen oder nicht (vollständig) zu erfassen. Diagnostische Methoden sind Hilfsmittel, das menschliche Verhalten oder Sein messbar, d.h. sichtbar und abbildbar zu machen. Sie sind umso besser, je mehr Irrtümer sie ausschließen können. Nicht mehr und nicht weniger.

In den Berichten über dieses Fallbeispiel fehlt mir eine ressourcenorientierte Überprüfung nicht nur der Möglichkeiten und Spielräume des betroffenen Kindes, sondern auch seines familiären und sozialen Umfeldes. Im Falle eines zehnjährigen Kindes müsste diese zumindest auch umfassend die Bereiche Familie und Schule, eventuell Vereinszugehörigkeit o.ä. berühren. Existierende Hinweise darauf sind leider nur rudimentär oder gar nicht vorhanden.

Die Akte des Zehnjährigen läßt sich nach Ausschluss aller Widersprüchlichkeiten auf zwei Grundaussagen fokussieren: Der Junge ist äußerst sensibel, aber extrem aggressiv und gruppenunfähig. Ich frage mich, was treibt ein Kind, dass sich selbst so deutlich spürt in ein sozial nicht anerkanntes Verhalten, das nur weiter zur Eskalation führen kann?

Im Folgenden möchte ich dazu zwei Methoden vorstellen, die es ermöglichen die oben genannten Ansprüche an eine würdigende, kindzentrierte und ressourcenorientierte Darstellung eines Falles zu erfüllen…

Die Kunst des Verstehens

In den letzten Jahren haben sich für mich zwei Vorgehensweisen bewährt, um zur Gestaltung einer humanen, Ich-Du-orientierten (M. BUBER: „Der Mensch wird am Du zum Ich“) Beschreibung einer Hilfemaßnahme im Sinne des KJHG zu gelangen. Ausgangspunkt waren dafür zwei Fragestellungen:

  • Was ist das eigentliche, ursprüngliche Problem des Kindes und welche Faktoren führen eventuell zu einer Problemstabilisierung oder -eskalation?
  • In welcher Form sind subjektorientierte Haltungen und Einstellungen Bestandteil einer angemessenen Hilfe- und Maßnahmenplanung?

(Ich möchte darauf hinweisen, dass dieser Artikel nicht den Anspruch hat, eine umfassende Einführung in die benannten Methoden zu bieten. Weiterführende Hinweise, Anleitungen und Vorgehensweisen sind der entsprechenden Fachliteratur zu entnehmen!)

Beginnen wir mit einer Antwortmöglichkeit auf die erste Frage:

a) Die rehistorisierende (verstehende) Diagnostik

Die Methode der rehistorisierenden Diagnostik wurde von Prof. W. Jantzen, Universität Bremen, entwickelt. In Anlehnung an führende Theorien der kulturhistorischen Schule verfolgt sie das Ziel, die Auffälligkeiten im Sein und Verhalten eines Menschen umfassend zu rekonstruieren. Bislang wurde sie besonders auf den Umgang und die Arbeit mit behinderten Menschen angewandt, die auch in den entsprechenden Einrichtungen zum sogenannten harten Kern gehören. Dort hat sie sich nachweislich bewährt.

Ich halte es für erfolgversprechend, diese Methode auf den Bereich der Hilfen zur Erziehung zu übertragen. Die Frage, was die eigentliche Problemstellung eines Kindes in öffentlichen Kinder- und Jugendhilfemaßnahmen ist und welche Faktoren problemverstärkend hinzukamen, kann so damit geklärt werden.

Mit dieser Sichtweise und Methode ist es möglich, die kindliche Verhaltensauffälligkeit (oder die eigentliche Problemdefinition), sozusagen herauszuschälen und neuzudefinieren. Die Bestimmung von reaktiven und/oder projektiven Maßnahmen und Interventionen kann so neu zugeordnet oder auch verworfen werden. Ein wesentlicher Bestandteil dieser Methode ist die notwendige dialogische Begegnung zwischen diagnostizierender und zu diagnostizierenden Person. „Denn damit hört die jeweilige Geschichte auf, nur als einzelne, von uns unverstandene Geschichte zu existieren. Durch die Einführung des Syndroms, und damit des Wissens über das Syndrom, wird sie zu einer besonderen Geschichte. Was bedeutet es, unter Bedingungen dieses Syndroms Mensch zu sein, welche Auswirkungen also hat das Syndrom auf die Entwicklung der Persönlichkeit?“ (JANTZEN, 1999) Ich bekomme als Fachkraft dadurch also die Möglichkeit, mir die unterschiedlichen Bedingungen in der kindlichen Entwicklung neu zu erschließen und sie als individuell sinnstiftend und logischen Prozess der Persönlichkeitsentwicklung zu begreifen, diese hätte unter entsprechenden Bedingungen auch meine eigene Entwicklung sein können. „Ebenso wie Blindheit oder Gehörlosigkeit das Verhältnis zu den Menschen und zur Welt auf spezifische Weise ändern, so geschieht dies auch durch unterschiedliche organische Veränderungen des ZNS.“ (JANTZEN, ebd.) Oder eben auch durch kindliche Schlüsselerfahrungen wie physischer oder psychischer, lebensbedrohender Gewalt, sexuellem Missbrauch oder Deprivation. Diese Neudeutung des Entwicklungsprozesses wird so dem/der Betroffenen helfen, sich anders verstehen und begreifen zu können.

Es ist leider Tatsache, dass Hilfen zur Erziehung (im Sinne des KJHG) nicht immer unbedingt problemlösend wirken. Es gibt berechtigte Hinweise, dass sie zur Problemstabilisierung, aber auch Problemeskalation führen können. Bedingt durch politische und fachlich-pädagogische Vorgaben können Maßnahmen in Hilfen zur Erziehung so auch kontraproduktiv wirken. Es liegt in unserer Verantwortung, als professionelle Fachkräfte, diesem pädagogischen blinden Fleck ein Ende zu bereiten, denn „sehr häufig liefern langjährige Akten kaum mehr als Beschreibungen einer ausweglosen Situation des Personals denn valide Verhaltensbeobachtungen.“(JANTZEN, ebd.) Dies passiert nicht nur in Behinderteneinrichtungen, sondern auch im Kinder- und Jugendhilfebereich. Die aktenkundige Nichttragbarkeit eines Kindes z.B. im schulischen oder Einrichtungskontext kann dann nicht mehr allein an der individuellen Bedingtheit des Kindes festgemacht werden, sondern muss auch zu einer kritischen Überprüfung des professionellen Systems kommen. Wir sind in der Pflicht, zu kontrollieren, wo wir im Sinne institutioneller oder struktureller Gewalt verantwortlich sind, um darauf bezogen eine Neuorientierung userer Hilfeangebote auf den Weg zu bringen.

In den verschiedenen Angeboten unserer Einrichtungen muss ein Bewusstsein wachsen, dass die Kinder, die wir betreuen und begleiten, nur so leben und sozial (re-)agieren können, wie ihre eigene Überlebensgrundlage es nötig und sinnvoll macht, mit allen ihren unkonventionellen Lösungen.

Nur dann können MitarbeiterInnen die richtigen Interventionen zum positiven Entwicklungswachstum der anvertrauten Kinder gewährleisten. Und dies wird durch eine rehistorisierende Diagnostik gesichert.

b) Die Repertory-GRID Methode

Was denken Kinder/Jugendliche und ihre Familienangehörigen wirklich zum Ergebnis einer anstehenden oder laufenden Kinder- und Jugendhilfmaßnahme? Woran messen MitarbeiterInnen einer Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung die Effizienz ihrer Tätigkeit? Woran machen wir z.B. die Entscheidung zur Beendigung einer Maßnahme konkret fest?

Die Antwort auf diese Frage hat mich zu einer Methode geführt, die der amerikanische Psychologe George Kelly in den 50er Jahren entwickelt hat. Im deutschsprachigen Raum wird sie bislang, so seltsam es klingen mag, hauptsächlich im Werbungs- und Produktforschungsraum benutzt. Im anglikanischen Sprachraum ist sie u.a. eine Forschungsmethode, zur Erhebung der Effizienz von pädagogisch/psychologisch-therapeutischen Maßnahmen.

Die Repertory-GRID Methode basiert auf einer standartisierten Interviewtechnik. Ziel ist die Erfassung einer möglichst umfassenden Selbsteinschätzung und -bewertung der/des Befragten. Zunächst wird ein sogenanntes GRID (=Raster) erstellt. Ein Beispiel zeigt die folgende Abbildung:gridDas Raster bildet sich aus den Komponenten Elemente und Konstrukte. In diesem Beispiel handelt es sich um einen Erfassungsbogen zum Verhältnis Kind-Herkunftssystem.

Aus dem Bereich der Elemente werden nach dem Zufallsprinzip zwei Elemente gezogen. Die Fragestellung lautet: Wodurch unterscheiden sich die beiden voneinander? Dadurch ergeben sich die Konstrukte im Sinne von Eigenschaft und Gegensatz. Nun werden diese bewertet, die Skala reicht z.B von 1 bis 5. Das Element, dass die Eigenschaft bestimmt bekommt den Wert 1, das Element des Gegensatzes bekommt den Wert 5. Alle anderen Elemente auf dem Bogen werden nun auf dieses Konstrukt hin frei bewertet, von 1 bis 5. Dann werden zwei neue Elemente gezogen, die ein neues Konstrukt ergeben, usw. usf. bis das GRID vollständig ist.
Am Ende erhalten wir eine vollständig ausgefüllte Bewertungsmatrix, die mit Hilfe eines Computerprogrammes ausgewertet wird und eine Grafik in einem Koordinatensystem erstellt, in der Nähe, Distanz und Beziehung sichtbar, d.h. abbildbar werden: In unserer Einrichtung setzen wir dazu das Programm GRIDLAB von Otto B. Walter ein.grid2In dieser Koordinatengrafik stehen Buchstaben für die Elemente (=Personen) und Zahlen für die Konstrukte (=Eigenschaftspaare). Aus der Interpretation der räumlichen Beziehungen z.B. der Elemente zueinander, im Sinne von Nähe, Distanz und Winkel zueinander, lassen sich Schlussfolgerungen ziehen, wie die Beziehungen der einzelnen bewerteten Elemente von der befragten Person subjektiv empfunden werden. Wird so eine GRID-Befragung mit den unterschiedlichen Mitgliedern eines Familiensystems (Vater, Mutter, Kind) durchgeführt, entsteht ein differenziertes Abbild des Systems.

Aus der Wiederholung dieser Interviews, z.B. alle 3 Monate oder vor jedem anstehenden Hilfeplangespräch, ergibt sich so ein subjektorientiertes Datenmaterial, das den Entwicklungsverlauf von Kind und Herkunftssystem im Rahmen einer Kinder- und Jugendhilfemaßnahme sichtbar macht. Wenn diese Grafiken wie Folien übereinandergelegt werden, ergeben sie ein klientenzentriertes Bewegungsbild, dass den beteiligten Fachkräften fundierte Aussagen über die Interpretation und Prognose einer Maßnahme bietet.

Die Kunst der Vision

Zu begreifen, was ein Kind zu dem macht, was es heute ist, birgt noch eine weitere beeindruckende Möglichkeit und die liegt in der Zukunft: Ich erhalte eine Ahnung davon, welche Entwicklungsräume sich erschließen lassen, wenn wir dafür Sorge tragen, dass die Rahmenbedingungen, die wir einem Kind in unseren Angeboten bieten können als lebens- und entwicklungsfördernd zu verstehen sind.

Individuelle Entwicklung findet ständig statt, sie ist nicht ziel- sondern prozessorientiert. Erst mit dem physischen Tod des Individuums kommt diese Bewegung zum Erliegen. Die Verantwortung für seine Entwicklung muss jeder Mensch für sich selbst übernehmen. Als Pädagoge kann ich jedoch dafür sorgen, dass ein Kind auf seinem Weg des Wachsens einen angemessenen Rahmen erhält, um irgendwann eine Antwort auf die grundlegenden Fragen „Woher komme ich?“ und „Wohin will ich gehen?“ zu bekommen.

Ein Kind, das schon mit 10 Jahren auch von professionellen Kräften abgeschrieben, in Schule oder Einrichtung als nicht tragbar festgelegt wird, ist somit als Opfer öffentlicher und privater Pädagogik zu verstehen. Festgeschrieben in der Akte, belegt von unzähligen Fachleuten, werden diesem Kind mögliche Entwicklungsräume vorenthalten. Über die Hilflosigkeit des Hilfesystems ist nur selten etwas zu lesen.

Die Angst der Parkuhr unterwegs einem Eisberg zu begegnen, ist eine paradoxe. Die Angst eines Kindes, nur fünftes Rad am Wagen zu sein, leider nicht. Sie ist für viele Kinder real und existenzbedrohend. Sie ist jedoch genauso überflüssig und dürfte eigentlich nicht sein.
In der Werbekampagne einer großen Bank heißt es: „Wir machen den Weg frei!“. Ich wünsche mir, dass wir dies auch über unsere Arbeit sagen können.

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