[2002] Burning down the house...
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[2002] Burning down the house…

 

gym-erfurt

© 2002 Martin Kühn

Wo bitte ist der „sichere Ort“? – Einige Gedankensplitter zum Massaker in Erfurt und der Suche nach dem „sicheren Ort“

Der 26. April 2002 war ein mörderischer Tag! Ich befand mich gerade auf der Rückfahrt von einer Tagung in Thüringen, ganz in der Nähe von Erfurt, als ich die ersten Nachrichten dieses
schrecklichen Ereignisses im Radio hörte. Es war die Rede von 16 toten LehrerInnen, Kindern, Angestellten und PolizistInnen… – unvorstellbar, und doch wahr! Durch diese grausame Gewalthandlung eines einzelnen Schülers wurde das Thema
„Traumatisierung“ von jetzt auf gleich buchstäblich auf brutale Weise in das öffentliche Bewusstsein „geschossen“. Ich war in diesen Tagen gerade dabei, einen Artikel mit dem Titel „Der sichere Ort“ für traumapaedagogik.de zu schreiben, das Thema erhielt durch die Ereignisse von Erfurt eine ungewollte Aktualität.

Am Vormittag des 26. April wurden auf einen Schlag hunderte von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen im Gutenberg-Gymnasium von Erfurt aus der Sicherheit des alltäglichen Schullebens gerissen und in Todesangst und -schrecken versetzt, während der Täter mit seinen Waffen durch das Schulgebäude zog, um seine Opfer zu liquidieren. In den Medien war schnell die Rede vom „Amoklauf von Erfurt“, aber es war im eigentlichen Sinne des Wortes kein
Amoklauf, kein spontanes, wahlloses Töten Unbeteiligter. Es war ein von langer Hand geplanter und vorbereiteter „Rachefeldzug“, in dem die Opfer von Robert St. regelrecht hingerichtet wurden. Für die SchülerInnen und LehrerInnen entstand eine hochgradig traumatisierende Situation: „Die Hilflosigkeit und Wut, die solche Erlebnisse in der Regel begleiten, können den Umgang eines Menschen mit Stress nachhaltig beeinflussen, sein Selbstgefühl beeinträchtigen und die Wahrnehmung von der Welt als einem im wesentlichen sicheren und verlässlichen Ort empfindlich stören.“ (van der Kolk, 1995 ). Dies bedeutet für den einzelnen Menschen, der ein solches Ereignis durchlitten hat, einen tiefgreifenden Einschnitt in die bisherige Sicht der Dinge, der Welt, die ihn umgibt und die Wahrnehmung von sich Selbst. Dies kann unter unglücklichen Umständen zu massiven Störungen der Persönlichkeitsentwicklung oder zu Persönlichkeitsveränderungen in einem negativen Sinne führen, deren Bewältigung vom traumatisierten Menschen häufig nicht aus sich selbst heraus aus eigener Kraft geleistet werden kann.

In den Medien wurde wiederholt berechtigt die Frage gestellt: „Wie konnte es dazu kommen?“ Ich frage mich jedoch weiter: „Wie können die überlebenden LehrerInnen und SchülerInnen weiterleben, weiterarbeiten? Den Schrecken dieses Ereignisses überwinden?“ In der Fachliteratur heisst es, dass i.d.R. nur 1/3 Drittel durch ein entsprechend unterstützendes familiäres, soziales und gesellschaftliches Umfeld von alleine nach einer traumatischen Erfahrung gesundet. 2/3 verdrängen das Trauma oder bleiben auf professionelle Hilfe angewiesen, um das Trauma zu bewältigen. Das sind gewaltige Zahlen bei über 600 SchülerInnen und über 50 LehrerInnen an der Erfurter Schule! Ein traumatisierter Mensch ist durch die Gewalterfahrung aus seinem bisherigen Leben buchstäblich herausgerissen worden. Bisherige Lebensentwürfe sind radikal in Frage gestellt und nicht selten kommt es zu
Schuldzuweisungen an sich selbst: „Warum habe ich das nicht verhindert oder verhindern können? “ So entsteht ein perfider Teufelskreis aus nicht zu bewältigendem Schmerz, tiefgreifender Verunsicherung, evtl. sogar Lebensangst und Selbstanklage.

Die Zeit der Trauer und des Traumas

In meiner Lokalzeitung sind in den letzten Tagen vermehrt Schlagzeilen und Äusserungen zu der Gewalthandlung von Erfurt zu lesen, wie z.B.:

  • „Eine Stadt sehnt sich nach dem Alltag“
  • „Unsere Schule war einmal von einer sehr familiären Atmosphäre geprägt – und das soll wieder so werden!“
  • „Wir müssen auch nach vorne schauen, optimistisch sein…“
  • „Auch nach den Terroranschlägen am 11. September in New York sei die Trauer doch ziemlich rasch gewichen.“
  • „Die Schule wird renoviert, nach den Sommerferien nimmt sie wieder ihren normalen Betrieb auf!“

Diese Äusserungen sind zutiefst verständlich, wünschen sie sich doch das Geschehene ungeschehen zu machen oder möglichst bald wieder „normal“ leben zu können. Es ist die Sehnsucht nach der Wiederherstellung einer sicheren und verlässlichen Lebensgrundlage. Aber diese Sehnsucht ist verfänglich: „Es wird nie mehr sein, wie es war!“, wurde es in den Trauerreden sehr richtig benannt.

Natürlich hat die Zeit der Trauer irgendwann ein Ende, schliesslich geht das Leben weiter, auch für die Überlebenden. Aber ein Trauma wirkt anders: Noch nach Jahren kann ein unbewältigtes Trauma wieder lebensbestimmend werden, ausgelöst vielleicht durch ein Geräusch, ein Zitat, ein Gesicht, durch eine Prüfungsituation nach 4 Jahren Studium, usw. usf.! Dieser Vorgang wird „triggern“ (=auslösen, mithilfe eines Impulses in Gang setzen) genannt und ist in keinster Weise berechenbar oder vorhersehbar, da er bei jedem betroffenen Menschen anders aussehen kann. „Ist die Stresssituation überwältigend genug, konditioniert das resultierende Trauma eine emotionale Reaktion, bei welcher der Körper schon beim geringfügigsten Reiz in Kampf- oder Fluchtbereitschaft oder Erstarrung verfällt: Der Alltag traumatisierter Menschen steht unter dem Vorzeichen des Traumas, gegenüber dem sie ständiger Alarmbereitschaft verharren. Selbst wenn sie das Trauma bewusst verarbeitet haben, empfinden viele traumatisierte Menschen auch weiterhin Angst und erhöhte körperliche Erregung bei an das Trauma erinnernden Situationen oder auch nur lauten Geräuschen. Sie reagieren mit Kampf- oder Fluchtbereitschaft, oft ohne die Herkunft solcher extremen Reaktionen zu kennen.“ (van der Kolk, ebd.)

Daher ist es ein notwendiger Schritt in der Arbeit mit traumatisierten Menschen auf dem Weg zum „sicheren Ort“, diese „Trigger“ herauszuarbeiten und bewusst zu machen. Eine
Begegnung, ein Erlebnis, das triggert, lässt den traumatisierten Menschen wieder in die emotionale Bodenlosigkeit der Gewalterfahrung stürzen und hat somit eine retraumatisierende
(=erneut traumatisierende) Wirkung. „Daher ist es eine der grundlegenden traumapädagogischen Aufgaben, diese Trigger in der pädagogischen Beziehung (mit den Attributen: geschützt, beziehungsvoll und verständnisvoll) in der Gegenwart zu entdecken und in der Zukunft zu vermeiden und den Betroffenen durch die Stabilität eines äußeren und inneren (intrapsychischen) Schutzrahmens einen veränderten Umgang und bewussteres Erleben mit Triggern zu ermöglichen.“ (Vogt, 2002; Zitat aus einer E-Mail)

Die Zeit lässt sich nicht vor den 26. April zurückdrehen und das schreckliche Ereignis von Erfurt lässt sich nicht mehr ungeschehen machen. Daher ist es wichtig zu wissen: „Trauer und Trauma sind zwei verschiedene Paar Schuhe, wenn auch aus derselben Werkstatt.“ Die Zeit der Trauer kommt in einer absehbaren Zukunft zum Ende, die Zeit des Traumas vielleicht nie…

Der sichere Ort

„Das Entscheidende an der Traumatisierung liegt in einem Verlust von Sicherheit und in einer Verfestigung von psychischen und physiologischen Gefahrenreaktionen.“ (van der Kolk, ebd.) Der Verarbeitungs- bzw. Bewältigungsprozess einer traumatischen Erfahrung, da ist sich die Fachwelt ziemlich einig, verläuft i.d.R. in drei Schritten:

  1. Stabilisierung, Kommunikation, Sicherheit
  2. Verarbeitung und Erinnern des Traumas, erneutes Trauern
  3. (Re-)Integration, Wiederanknüpfung, Aktivierung
    (vgl. Herman, 1993, S. 216)

Dieser erste Schritt der Traumabewältigung bleibt eine zentrale Aufgabe traumapädagogischer Arbeit, während die Schritte 2 und 3 eher dem traumatherapeutischen Feld zugeschrieben werden können. Er bildet sozusagen eine begleitende, ständig präsente Klammer um die Schritte 2 und 3. Dieser erste Schritt hat leider keine „einfachen“ Aufgabenstellungen und Lösungen parat. Die Schaffung und das Angebot eines verlässlichen, dialogischen und sicheren Raumes fordert eine hohe Sensibilität der Professionellen. Auf meinen Arbeitsplatz, meine Einrichtung bezogen, heisst dies, für jedes traumatisierte Kind, das wir betreuen, diesen „sicheren Ort“ zu schaffen und zu sichern. Dies ist kein leichtes Unterfangen, die personellen Ressourcen sind begrenzt, das notwendige und wirksame Erfahrungswissen ist erst im Entstehen. Ich möchte eigentlich nicht wissen, zu welchem Ergebnis eine wissenschaftliche
Studie zur „Retraumatisierung von Kindern und Jugendlichen in der Kinder- und Jugendhilfe“ kommen würde, denn ich habe da eine böse Ahnung…

Die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen in Erfurt, die das schreckliche Massaker in der Schule überlebten, haben im Großen und Ganzen, was den ersten Schritt betrifft, viel Glück gehabt! Unmittelbar nach dem traumatisierenden Ereignis vom 26. April 2002 standen ihnen sofort professionelle ExpertInnen zur Seite, gab es vielfache kollektive Rituale (Gottesdienste, Trauerfeiern, usw.), wo das Ereignis thematisiert, diskutiert oder unter vier Augen besprochen wurde. Auch wenn unter diesen Rahmenbedingungen PolitikerInnen und Medien diese Prozesse für Wahlkampfrethorik oder Sensationsberichtserstattung missbrauchten, ist es doch ein notwendiger und überlebenswichtiger Schritt, um nicht als einzelner betroffener Mensch im Schrecken isoliert zu bleiben: „Die Fähigkeit, nach einem akuten Trauma das Erlebte in vielen Details zu verbalisieren, verhindert – wie sich gezeigt hat – sehr wirksam, die Entstehung von PTSD [=Posttraumatic Stress Disorder, Anm. d.V.].“ (van der Kolk , ebd.) Viele andere Menschen, die eine Traumatisierung erleiden mussten, haben diese Chance nie bekommen! Aber auch für die Überlebenden von Erfurt bleibt die Frage offen, ob und wie sie den zweiten UND den dritten notwendigen Schritt ihrer Traumabewältigung erfolgreich gestalten werden. „Nachdem ein Trauma einen Menschen vollkommen mit seiner existentiellen Hilflosigkeit und Verwundbarkeit konfrontiert hat, kann das Leben nie mehr genau das gleiche werden wie zuvor: Das traumatische Erlebnis wird in jedem Fall zum Bestandteil des Daseins einer Person.“ (van der Kolk, ebd.)

Noch einmal: Der erste Schritt der Traumabewältigung  „Stabilisierung, Kommunikation, Sicherheit“ bildet eine Klammer um die Schritte 2 und 3 (s.o.), die garantiert sein muss, um für die weiteren Bewältigungsprozesse hilfreich wirken zu können. Dazu scheint zudem die Suche und das Entdecken eines „sicheren inneren Ortes“ sinnvoll zu sein, d.h. das Wissen um einen imaginären „sicheren Ort“ in mir selbst, den ich jederzeit, auch unabhängig von äusseren Geschehnissen, aufsuchen kann. Dr. L. Reddemann, Traumatherapeutin aus Bielefeld, beschreibt in ihrem Buch „Imagination als heilsame Kraft“, wie wichtig das Wissen von einem
„inneren sicheren Ort“ während der Traumabewältigung ist. Dieser „innere sichere Ort“ bildet einen intrapsychischen Rückzugsort, der bei der Aufarbeitung einer traumatischen Erfahrung einen schutzgebenden Fluchtpunkt darstellt. Aber dieser „sichere Ort“ muss von dem traumatisierten Menschen erarbeitet und verinnerlicht worden sein, um seine Schutzwirkung während des zweiten und dritten Schrittes der Traumabewältigung gewährleisten zu können. Anregungen und Hilfestellungen dazu finden sich in ihrem Buch.

Der sichere innere Ort braucht einen sicheren äußeren Ort

Der „innere sichere Ort“ bedeutet nichts, wenn nicht auch im Umfeld Sicherheit herrscht, d.h. z.B. räumliche Trennung von Opfer und TäterIn, Vermeidung retraumatisierender Faktoren (Trigger-Momente), usw. – Und ausserdem: „Das Trauma kann nur dann durchgearbeitet werden, wenn ein sicheres Band mit einer anderen Person geknüpft ist; dieses kann helfen, die Psyche zusammenzuhalten, wenn die Drohung physischer Desintegration wieder erlebt wird.“ (van der Kolk, ebd.) Aus diesem Gedanken entsteht eine weiterer traumapädagogischer Aspekt: Die  Herstellung einer „sicheren Beziehung“! Im Rahmen der stationären Kinder- und Jugendhilfe
wäre dies eine Aufgabe für die zuständige BezugsbetreuerIn. Es ist also sozusagen eine Art „gestützter Kommunikation“ notwendig, analog zur pädagogischen Arbeit z.B. mit autistischen Kindern. Eine Art von „Tandem-Pädagogik“, in der die pädagogische Fachkraft garantiert, dass die Orientierung nicht verloren geht und die „MitfahrerIn“ sicher sein kann, am richtigen Ziel anzukommen!

Dieser Prozess ist nicht ohne Gefahren für die PädagogIn: „Trauma ist ansteckend. Der Therapeut [oder die PädagogIn, Anm. d.V.] wird in seiner Rolle als Zeuge einer Katastrophe oder eines abscheulichen Verbrechens von seinen Gefühlen oft geradezu überwältigt. Etwas weniger intensiv als der Patient lebt er dessen Gefühle von Angst, Wut und Verzweiflung ebenfalls durch.“ (Herman, 1993, S. 193) An dieser Stelle sind die institutionellen Strukturen gefordert. Die betroffene, verantwortliche KollegIn benötigt für diese Arbeit eine feste, verlässliche Ein- bzw. Anbindung an ein funktionierendes Team, sowie regelmäßige externe Hilfestellungen durch Supervision, usw., um dem Auftrag nach Gewährleistung einer „sicheren Beziehung“ gerecht zu werden.

Traumapädagogische Aufgabenbeschreibung

Zusammenfassend lassen sich folgende Handlungsaufforderungen beschreiben, um dem o.g. Dreischritt zur Traumabewältigung gerecht zu werden. Traumapädagogik muss grundlegend für folgende Faktoren sorgen, um eine umfassende
Traumabewältigung zu unterstützen und zu sichern:

  • Stabilisierung, Kommunikation und Sicherheit herstellen bzw. gewähren
  • Trigger erkennen, benennen und vermeiden, um den Schutz für die/den Betroffene/n zu gewährleisten
  • Herstellung einer „sicheren Beziehung“ durch eine feste, verlässliche Bezugsperson

Erfurt im Jahre 0…- und, wie weiter?

Im o.g. Sinne ist die geplante Wiederaufnahme des Schulbetriebs des Gutenberg-Gymnasiums in Erfurt im alten Gebäude m.E. absolut kontraindiziert:

  • Wieviele PsychologInnen, TraumapädagogInnen, SozialpädagogInnen wären über die nächsten Jahre nötig, um die SchülerInnen und LehrerInnen fachgerecht begleiten zu können?
  •  Was müssen SchülerInnen tief in sich fühlen, wenn sie im Spätsommer 2002 in einem Klassenraum unterrichtet werden sollen, wo einige Monate zuvor zwei 14-jährige MitschülerInnen qualvoll verbluteten?
  • Was werden die LehrerInnen empfinden, wenn sie demnächst an einer Tafel stehen, an der eine KollegIn von ihnen erschossen wurde?
  • Kann dieses Gebäude i.d.S. überhaupt wieder als Schule dienen?
  • Kann ein Kind in diesen Mauern wieder lernen, ohne die Gefahr retraumatisiert zu werden?
  • Sollte das Gutenberg-Gymnasium von Erfurt daher nicht an einem anderen unbelasteten Ort neu gebaut werden, um denen eine Chance zu geben, die mit der Traumaerfahrung vorerst nicht zurecht kommen können?

Niemand kann dies heute ermessen… – aber es sind Fragen, die nach dringenden Antworten suchen!


Literatur:

Bremervörder Zeitung, 04.05.2002

Bessel A. van der Kolk, Psychische Folgen traumatischer Erlebnisse, 1995, Veröffentlichung im Internet unter http://www.traumatherapie.de/users/vanderkolk/kolk1.html

Volker Vogt, „Dialog 1“, 2002

Volker Vogt, E-Mail v. 15.05.2002

Judith L. Herman, „Narben der Gewalt“, 1993, Kindler

Luise Reddemann, „Imagination als heilsame Kraft“, 2001, Klett-Cotta

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