[2005] Broschüre "Ein Sicherer Ort"
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[2005] Broschüre „Ein Sicherer Ort“

junge© Jochen Uttendörfer, 2005
(Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors!)

Ein Sicherer Ort für Leitungen, MitarbeiterInnen und junge Menschen

Was soll diese Broschüre?

2004 gab es in der Rheinischen Gesellschaft für Innere Mission und Hilfswerk einen ErzieherInnentag zum Thema „Umgang mit Gewalt und Missbrauch“. In Workshops arbeiteten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aller Jugendhilfeeinrichtungen der Rheinischen Gesellschaft zu diesem Thema und mit diesen Resultaten dann in verschiedenen Arbeitsgruppen Leitungen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und junge Menschen, die in Einrichtungen der Rheinischen Gesellschaft leben.

Das Ergebnis liegt hier vor: Ins Zentrum rückte der „Sichere Ort“. Was das ist und warum sich die Blickrichtung änderte, beschreibt der Beitrag „Der Sichere Ort – Kein Platz für Gewalt und sexuellen Missbrauch“. Gemeinsam entwickelt wurden Listen, die als Leitfaden zur Überprüfung der Bedingungen in den Einrichtungen dienen sollen.

Wir wollen dem „Sicheren Ort“ eine hohe Wertigkeit in den Jugendhilfeeinrichtungen der Rheinischen Gesellschaft einräumen. Um einen solchen Sicheren Ort aufzubauen und zu erhalten, werden die Checklisten folgendermaßen benutzt: Für Leitungen dient die Liste zur Selbsteinschätzung, für die innere Klärung und Planungen hinsichtlich der Einrichtung. Für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dient die Liste ebenfalls der Selbsteinschätzung, für die innere Klärung (z.B. auch zur Vorbereitung des eigenen Mitarbeiter-Fördergespräches) und Planungen hinsichtlich der Arbeit. Zusätzlich dient sie für Gruppensupervisionen und zur Vorbereitung von Teamgesprächen mit den Gruppenleitungen. Für die jungen Menschen dient ihr Teil der Liste zur Klärung bei Gruppengesprächen und Einzelgesprächen.

Der Sichere Ort – Kein Platz für Gewalt und Sexuellen Missbrauch

Auf dem Hintergrund immer wieder stattfindender Gewalt- und Missbrauchsakte von Kindern und Jugendlichen untereinander aber auch gegenüber erwachsenen Bezugspersonen sind wir in unserer Wahrnehmung lange an der Gewalt mit seinen ängstigenden und schmerzvollen Auswirkungen fast wie in Trance haften geblieben. Wir versuchten Gewalt und Missbrauch zu verstehen (als Ausdrucksform ehemals selbst von Gewalt betroffener Opfer), sie zu definieren (z. B. als grenzverletzende Täterhandlung, die einem neuen Opfer Schmerz zufügt) und entwickelten Strategien, wie von der Gewalt weg zu kommen sei (PART-Training; Anti-Aggressions-Trainings; Psychiatrisierung und Entlassung von Kindern, usw.). Als Idee schwebte uns so etwas wie ein „gewaltfreier Raum“ vor, doch selbst hier noch blieb unsere Wahrnehmung auf Gewalt und Missbrauch ausgerichtet. Logisch, dass Gewalt nicht weniger werden wollte und Erwachsenen immer wieder die Initiative des Handelns aus den Händen genommen wurde. Im Extremfall gerieten wir in einen Opferstatus.

Durch die Auseinandersetzung mit den verheerenden Auswirkungen von Traumafolgen auf ihre Opfer, z.B. in der Fokussierung auf eine traumazentrierte Pädagogik, gelangte in letzter Zeit etwas Neues in das Blickfeld der Mitarbeitenden in der Jugendhilfe: was kann am treffendsten als sicherer Ort umschrieben werden und sich zu einem Konzept weg von der Gewalt – hin zur Friedfertigkeit entwickeln?

Ein sicherer Ort vermag Wohlbefinden und Entwicklung bei den Kindern erzeugen. Bei den Erwachsenen stellt sich leicht Freude an der Arbeit ein. Ein sicherer Ort aktiviert bei der Bereitstellung der notwendigen Schritte mehr Kraft. Mit dem Erarbeiten eines sicheren Ortes nehmen wir Erwachsenen die Initiative des Handelns zu uns zurück. Letztlich schließt ein sicherer Ort Gewalt und sexuellen Missbrauch aus.

Zur Begründung der Notwendigkeit eines sicheren Ortes ist eine weitere Differenzierung hilfreich, auf die besonders der Kinder- und Jugendpsychiater Lutz-Ulrich Besser (1) hingewiesen hat. Der sichere Ort ist in einen äußeren sicheren Ort und einen inneren sicheren Ort zu unterscheiden.

Der äußere sichere Ort ist als unabdingbare Voraussetzung dafür anzusehen, dass sich die uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen auch auf innere sichere Orte einlassen können, die wiederum als Grundlage einer heilenden Entwicklung zu sehen sind.

Kinder und Jugendliche in der stationären und teilstationären Jugendhilfe – und nicht nur da – finden an einem äußeren sicheren Ort leichter

  • Abstand von ihren Verletzungen und
  • können aus diesem Abstand heraus leichter mit ihrer inneren Ruhe in Berührung kommen,

die zur Heilung traumabedingter Verletzungen erforderlich ist.

Das Konzept des sicheren Ortes ist mittlerweile sehr gut auch durch neurobiologische Forschungen abgesichert. Gerald Hüthers (2) Forschungsergebnisse belegen wegweisend die Wirksamkeit protektiver Faktoren, die traumatisierten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen nützlich sind, Traumafolgen zu verarbeiten. Nur mit anderen Worten umschreiben die protektiven Faktoren die Bedingungen eines sicheren inneren und äußeren Ortes:
  • Vertrauen in anwesende Personen (Mutter, Vater, wichtige Bezugspersonen…),
  • Vertrauen in eigene Fähigkeiten (Wissen, Kompetenz, Kraft…),
  • Vertrauen in vorgestellte Kräfte (Glaube, Religion, Liebe, Schicksal, Esoterik…).

Alle drei Faktoren, besonders der letzte, entfalten ihre Kraft nur, wenn die äußere Umgebung des jungen Menschen sicher ist.

Hier mag sich der Kreis schließen: Unsichere Orte laden ein zu Gewalt und Missbrauch. Im folgenden wird der sichere Ort als eine Sammlung (siehe weiter unten) verschiedenster Bausteine und auf unterschiedlichsten Ebenen angesiedelter Netzwerke von Maßnahmen und Haltungen von uns Erwachsenen, aber auch den Kindern und Jugendlichen dargestellt. Alle zusammengenommen stärken die MitarbeiterInnen, Gruppen und Einrichtungen darin, Gewalt und Missbrauch auszuschließen.

Bei der Sammlung und Gewichtung aller notwendigen Faktoren eines sicheren Ortes ist auch vorstellbar, diese Liste wie eine Checkliste zu lesen. Jede Einrichtung, aber auch jede Gruppe kann nach dem Ausmaß des Vorhandenseins bzw. des Fehlens dieser Faktoren beurteilt werden. Eine solche Liste erlaubt zudem in Prozenträngen auszudrücken, wie „sicher“ die Entwicklungsbedingungen der Kinder und Jugendlichen tatsächlich sind. Gleichzeitig ist diese Checkliste eine Einladung für unsere (und andere) Einrichtungen einzuschätzen, wo Entwicklungs- und Steuerungsbedarf für die Einrichtungen erforderlich ist.


Literatur:

(1) Arne Hofmann & Lutz-Ulrich Besser (2003): Psychotraumatologie bei Kindern und Jugendlichen. In: Karl-Heinz Brisch & Theodor Hellbrügge (Hrsg.): Bindung und Trauma. Risiken und Schutzfaktoren für die Entwicklung von Kindern. Klett-Cotta.
(2) Gerald Hüther (2001): Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn. Vandenhoeck & Ruprecht. \r\n

(Weitere Informationen und Dokumentationen zu den erwähnten „Checklisten“ finden Sie auf der Webseite der „Rheinischen Gesellschaft für innere Mission und Hilfswerk GmbH“ !)

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