[2002] Vorgreifende Widerspiegelung oder "Von der Hartnäckigkeit kindlicher Kompetenz"
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[2002] Vorgreifende Widerspiegelung oder „Von der Hartnäckigkeit kindlicher Kompetenz“

spiegel
© Volker Vogt, 2002
„Leute, von denen behauptet wird,
sie seien “beziehungsunfähig“,
hatten wohl nur keine Vorbilder.
“Beziehungsunfähigkeit“ gibt es nicht,
lediglich Beziehungsungeübtheit.“
(Olga Masur, „Ich wollt“ ich wär‘ die Letzte“, Hamburg 2000)

 

I.

Es verwundert mich immer wieder, wie ich als pädagogischer Mitarbeiter so oft und schnell, im Diskurs mit mir selbst oder mit anderen, mit Begrifflichkeiten wie „verhaltensgestört“, „Entwicklungsdefizite“, „entwicklungsbehindert“ u.a. umgehe. Sprachcodes, die zudem die Eigenschaft haben, mir den Dialog mit KollegInnen zu erleichtern. Es scheint, dass diese Fachfrauen und -männer genau wissen, was ich damit meine. Diese Wiederspiegelung sichert zudem das Überleben dieser Sprachcodes.
Dabei stellen diese Begriffe nur Beschreibungen dar, die zusätzlich vom Leser bzw. Hörer in Relation zu einer ominösen „Normalität“ gesetzt werden müssen, und dadurch schon durch die Vielfalt der Relationsmöglichkeiten in Abhängigkeit von Ausbildung, Selbst- und Menschenbild, u.a., des Relationssetzers sehr deutlich an Genauigkeit, Klarheit und Darstellung eines tatsächlichen Sachverhaltes verlieren. Wir agieren im pädagogischen Feld mit Floskeln und pflegen sie miteinander, weil ein jeder es tut. Dabei erklären diese Zustandsbeschreibungen nichts, im schlimmsten Falle schreiben sie „negatives Gut“ fest – und zwar am Kind. Erklären tun sie nichts. Warum fällt uns dieser defizitäre Blick auf das Kind so leicht? Wozu brauchen wir solche Zuschreibungsformulierungen?

Ich möchte dieses hier nicht ausgiebig andiskutieren. Ich vermute aber, dass eine Ursächlichkeit dieser Tatsache darin begründet ist, dass uns selbst als pädagogische MitarbeiterInnen manches kindliche Verhalten als gestört, als störend und belastend erscheint. Wir scheinen für die biographische Verschlüsselung des kindlichen Verhaltens keinen pädagogischen Schlüssel zu besitzen. Manches Verhalten mag uns auch Angst machen, Ekel erzeugen, unseren Moralvorstellungen völlig zuwider sein. Vielleicht ist diese Kombination von persönlichen Gefühlen und der Mittellosigkeit in der Entschlüsselung des kindlichen Verhaltens eine Ursache unseres zu sehr defizitären und zu wenig ressourcenorientierten Blickes und Verständnisses auf die Kinder und ihre Entwicklung? Dieser Frage möchte ich im Folgenden in einem persönlichen Erfahrungsbericht etwas nachgehen, ohne sie jedoch vollends beantworten zu können.

II.

Gibt es Auseinandersetzungen zwischen den Kinder, zu der ich als eine pädagogische Fachkraft von den Kindern hinzugezogen werde oder ich zufällig zu diesem Streit hinzukam, dann sagt SIE – ohne ein Gespräch oder eine Klärung abzuwarten – „ja ja, ich weiß, ich bin wieder an allem Schuld“ oder „jetzt bin ich wieder schuld“ und zumeist fängt SIE dann an zu weinen und/oder zu toben. Ein “Tobsuchtsanfall“ bei IHR sieht dann folgendermaßen aus: SIE versucht andere zu treten oder zu schlagen (in Variation dazu zerstört SIE manchmal etwas), schmeißt sich dann irgendwann auf den Boden, versucht aus dieser Position heraus andere zu verletzen.

Gelingt ihr das nicht, oder zeitgleich mit dem Schlagen bzw. Treten nach anderen, beginnt SIE sich selbst zu beißen – vornehmlich in den Handrücken (dort hatte sie schon als SIE zu uns kam eine Deformation des Handrückens zwischen den Knöcheln des Zeige- und des Mittelfingers). Während das aggressive Verhalten gegen andere noch in einer geöffneten Körperhaltung geschieht, erfolgt die Selbstaggression in einer immer mehr in sich zusammengerollten Haltung. Diese vervollständigt sich in der Entspannungsphase und hat dann fast eine embryonale Erscheinung. Dabei macht SIE grunzende Laute, die sich mit lautem Gekreische abwechseln.
Unterbricht man diesen dreiphasigen Handlungsablauf bei IHR (sei es weil sie andere zu verletzen scheint, das Gruppengeschehen vehement mit diesem Verhalten stört oder die Selbstaggression heftige Formen annimmt) durch eingreifendes Verhalten, dann beginnt der Vorgang Aggression – Selbstaggression – Entspannung wieder von vorne, mit ansteigender Heftigkeit.
In beiden genannten Beispielen stehe ich als Pädagoge vor einem Dilemma. Im ersten habe ich noch gar nicht agiert und bekomme schon eine Reaktion des Kindes, wo eigentlich meine eingreifende Handlung noch gar nicht geschehen ist. Und im zweiten Beispiel ist es (scheinbar) egal, jede pädagogische Aktion führt zur Fortführung des kindlichen Verhaltens, dessen Beendigung das eigentliche Ziel meines pädagogischen Handelns war.

III.

Ich denke fast alle PädagogInnen in der Heimerziehung (und darüber hinaus) standen schon mal in solchen Situationen: das Handeln des Kindes verstanden wir nicht, es machte für uns keinen Sinn. Es verunsicherte uns – eventuell überforderte es uns auch! Sätze wie „das muss ich mir nicht an tun“, „das Kind ist nicht mehr tragbar“ verdeutlichen dieses.
Martin Kühn bezeichnete das pädagogische Arbeiten mit traumatisierten Kindern analog als Handeln auf einem „Minenfeld“. Dieses Bild mag zwar manchen etwas zu heftig erscheinen, aber es verdeutlicht einen Bestandteil unserer pädagogischen Arbeit: das Auffinden und Entschärfen von „Minen“. In unserem Falle bei der pädagogischen Arbeit mit traumatisierten Kindern im Auffinden und Vermeiden von Triggern, erworbenen Auslösemechanismen, die retraumatisieren. Martin Kühn hat ja in seinem Beitrag „Minesweeper“ die Wirkung eines solchen Triggers (die Nudelsoße eines bestimmten Herstellers) beschrieben. Für manche scheint dieses eventuell schon bemerkenswert, dass genau diese eine Nudelsoße eines bestimmten Herstellers und nicht Nudelsoßen allgemein den Jungen getriggert haben sollen. Es sind manchmal noch abstruser erscheinende Dinge und Faktoren, die ein Kind triggern können: Gerüche, das Korkenknallen einer Sektflasche im Verbund mit Silversterknallern u.v.m. – triggernde Dinge und Momente, die man nicht alleine durch Aktenstudium und Befragung im Vorfeld einer Jugendhilfemaßnahme erkennen und verhindern kann. Das Miteinanderleben und -arbeiten in einer Gruppe bringen so manche Triggermomente zu Tage, die so ohne weiteres im Vorfeld nicht zu erkennen sind. Darauf müssen wir als pädagogische MitarbeiterInnen gefasst sein, damit müssen wir rechnen, daraufhin müssen wir aus- und weitergebildet werden. Darauf müssen wir reagieren können!
Was unterscheidet aber das Beispiel von der Nudelsoße von den oben geschilderten Situationen mit IHR. Da gibt es nichts zum Wegstellen, was den Trigger verhindert – die äußeren Anlässe variieren sehr, so sehr dass nur eine einsame Insel für SIE als triggerfreie Zone denkbar erscheint. Die Triggermomente bei IHR sind vielfältig, die sekundären, retraumatisierenden Verursacher von Triggern mannigfaltig, und die primären Verursacher dieser Trigger in der erlebten Geschichte von IHR überwiegend noch unentdeckt.
In diesem Dilemma stehe ich nun als pädagogischer Mitarbeiter, der nun mit IHR seit vier Jahren zusammen arbeitet und lernt, und dieses Kind nicht mehr missen möchte. Nein, es ist wirklich keine Floskel, wenn ich in diesem Zusammenhang von Dilemma spreche! Tatsache ist, trotz meiner Bemühungen, erlebt SIE immer wieder retraumatisierende Situationen und ich denke mir oft, was mache ich falsch, was kann ich anders machen (auch wenn ich als Mitautor diese Seite mitgestalte, ich bin ein Lernender) und manchmal auch, „Warum tue ich das mir an, warum tue ich IHR das an?“

IV.

Also warum gelingt es mir auch nach vier Jahren nicht, SIE umfassender vor Retraumatisierung zu schützen (eine Spurensuche, bei der mir auch die LeserIn gerne behilflich sein kann)? Dabei erinnere ich mich an Anochin“s Mechanismus „der vorgreifenden Widerspiegelung“, die ich im Zusammenhang beim Schreiben meiner Diplomarbeit über Tätigkeitstheorie und Kulturhistorische Schule der sowjetischen Psychologie in einer Erläuterung durch Wolfgang Jantzen zum ersten Mal gelesen hatte. Und ich denke, dies kann mir an dieser Stelle und in dieser Situation, in der ich als pädagogischer Mitarbeiter derzeit in der oben angeführten Spurensuche stehe, recht hilfreich sein.
Wenn ich den Begriff vorgreifende Widerspiegelung richtig verstanden habe, so bedeutet er, dass ein Organismus auf eine sich wiederholende Aktionskette seiner Umwelt mit einer entsprechenden Reaktionskette agiert. Diese Aktion des Organismus entwickelt und verselbstständigt sich so, dass sie nicht mehr auf das Ende der Reaktionskette in Bezug auf die Umwelt abwartet, sondern auf dieses Ende „vorgreift“ und dementsprechend agiert.

Abbildung: Der Mechanismus der vorgreifenden Widerspiegelung
(aus: W.Jantzen, Allgemeine Behindertenpädagogik Bd.1.Weinheim 1987)

Einfacher und bildlicher ausgedrückt: auf einen Handlungsablauf der Umwelt A-B-C-D-E reagiert der Organismus mit einer entsprechenden Aktionskette a-b-c-d-e, die entsprechend seiner Erfolgsaussichten für den Organismus variiert, verfeinert und gefestigter wird. Bis zu dem Punkt, dass nicht mehr der ganze Handlungsablauf der Umwelt A-B-C-D-E vom Organismus abgewartet wird, sondern schon z.B. bei Auftreten von A die ganze Aktionskette a-b-c-d-e vom Organismus ausgeführt wird. Er antizipiert schon auf B-C-D-E und nimmt seine Handlung vorweg – insofern spiegelt er seine Umwelt und dessen Bedingungen wieder: Vorgreifende Wiederspiegelung, wie Anochin es benannt hat.

V.

 

Jetzt befinde ich mich anscheinend tief im „theoretischen Morast“ und weit weg von meiner pädagogischen Praxis mit IHR. Aber ich weiß, dass SIE sieben Jahre lang in ihrer Herkunftsfamilie sexueller, sowie körperlicher Gewalt, Verwahrlosung und Vernachlässigung ausgesetzt war. D.h. sie war sieben Jahre lang lebensbedrohenden und isolierenden Umweltbedingungen und Handlungsabläufen (A-B-C-D-E) ausgeliefert, in denen sie entsprechend zu agieren lernen musste (a-b-c-d-e). Insofern ist der oben geschilderte Handlungsablauf von IHR (Aggression-Selbstaggression-Entspannung) ein Ergebnis dieses Austauschverhältnisses zwischen ihrer lebensbedrohlichen Umwelt und ihren Möglichkeiten auf diese zu reagieren. Dass dieser Handlungsablauf von IHR für den äußeren Betrachter als „pathologisch“ erscheint, darf aber angesichts der „Pathologie“ ihrer erlebten Umwelt nicht verwundern. Selbstaggression, als ein Beispiel, ist für SIE zu einer entwicklungslogischen, erfolgreichen und insofern auch persönlich sinnstiftenden Reaktion a-b-c-d-e auf Umweltaktionen A-B-C-D-E geworden. Und dieses in einer Lebensphase, in der Körper und Geist sich noch in starker Reifung bzw. Entwicklung befanden und dieses immer wieder in Situationen, in denen der Organismus von IHR aufgrund der kulturhistorisch-genetisch veranlagten Flucht- und Kampfbereitschaft als Reaktion auf lebensbedrohende Umweltsituationen hochgradig erregt war.

VI.

Sind wir mit diesen theoretischen Ausführungen meines Dilemmas, meiner Spurensuche näher gekommen? Ich denke ja. Zunächst muss ich IHR Verhalten als entwicklungslogisches und sinnstiftendes Verhalten anerkennen und mir Gedanken machen, ob ich zukünftig weiterhin so plakativ mit dem Begriff „verhaltensauffällig“ umgehen darf. Zum anderen muss ich akzeptieren, dass SIE zunächst ihr „erfolgreiches“ Handlungsrepertoire weiter ausführt, auch wenn die Umwelt nicht mehr nur aus A-B-C-D-E besteht, sondern variiert (was wegen der Neuigkeit und der Unkenntnis natürlich SIE zusätzlich in erhöhte Erregung und in erlernte und vererbte Alarmbereitschaft versetzt). D.h. agiere ich als pädagogischer Mitarbeiter mit X-Y-Z, darf es mich nicht verwundern, wenn SIE weiterhin zunächst mit a-b-c…. reagiert. Ich kann mir nun ihr Verhalten erklären, und mit diesem Erklärungswissen kann ich auch etwas gegen meinen eigenen Frust, Gefühle des Scheiterns und der Überforderung machen. Zusätzlich kann ich schauen, inwieweit reagiere ich mit Verhaltensweisen, die SIE z.B. an A-B-C-D-E erinnern.
SIE konnte mir nach 3 1/2 Jahren erzählen, dass ich sie in solchen Auseinandersetzungen und bei Körperberührung immer wieder an ihren Vater erinnere und sie dann nicht anders machen könne. SIE hat also mein Verhalten, dass ich selbst als X-Y-Z verstanden habe und von IHR erhofft und ge- bzw. überfordert hatte, gar nicht so wahrnehmen können. Sie konnte zunächst nur mit ihren angeeigneten und als erfolgreich abgespeicherten Handlungsvariationen agieren. Und ich selber sah mein Verhalten immer nur als eine andersartige Variation zu dem von IHR in ihrer Herkunftsfamilie Erlebten, und übersah, dass es auch möglich und inzwischen auch erklärbar ist, dass meiner Handlungsvariation X-Y-Z… auch ein A vorstand, und dass SIE zwangsläufig nicht auf das Endergebnis Z widerspiegeln konnte, sondern das A bei ihr die vorgreifende Widerspiegelung von erfahrenen Umweltaktionen A-B-C-D-E auslöste und sie zu Reaktionsketten im Sinne von a-b-c-d-e zwangen. A (z.B. der Körperkontakt in Streitsituationen) ist ein Trigger, der retraumatisiert, der aufs Neue die Reaktionskette von IHR (Aggression- Selbstaggression-Entspannung) auslöst. Es ist aber auch ein Trigger, den man nicht so ohne weiteres vermeiden kann (wie z.B. das Weglassen einer bestimmten Nudelsoßenmarke), sondern er bedarf eines Lern- und Lebenszusammenhanges, in dem ich mich als pädagogischer Mitarbeiter als veränderungsfähig und lernfähig erlebe und dieses als eine Möglichkeit für andere Menschen (also auch für SIE) vorlebe. Denn nur so erkenne ich retraumatisierende A“s und kann IHR durch die Variation meines Verhaltens zeigen, dass ihre Handlungskette a-b-c-d-e keine unabänderliche, sondern eine perspektivisch veränderungsfähige ist.

VII.

Wo stehe ich jetzt für mich nach diesen Ausführungen?
Ich muss akzeptieren, dass ich auch weiterhin Mitauslöser von retraumatisierenden Triggern sein kann, die noch nicht ermittelt worden sind und/oder sich aus bestimmten Umweltkonstellationen ergeben und sichtbar werden. Begreife ich mich selbst in diesem Dialog als veränderungsfähig/-nötig und entwicklungsoffen, eingebunden in ein dialogisches und interdisziplinäres Team, wird es mir zum einen gelingen, Trigger – vor allen Dingen auch von solchen, deren Mitverursacher ich selbst durch mein Handeln bin – leichter zu entdecken und zukünftig zu vermeiden. Zum anderen kann ich mir mit dem in diesem Beitrag angedeuteten Erklärungswissen IHRE derzeitigen Handlungsmöglichkeiten leichter verständlich machen und deren hartnäckigen Bestand auch unter veränderten Umweltbedingungen erklären. Zusätzlich relativieren sich manche eigenen Aussagen („wieso tue ich mir das an“ oder „die ist nicht tragbar für diese Gruppe“), da durch die Aneignung von Erklärungswissen der prozessuale und dialogische Charakter von menschlichen Beziehungen deutlicher hervortritt, und die Erkenntnis und Verwirklichung in bzw. von der Wichtigkeit und Notwendigkeit von offenen, lern- und veränderungsfähigen Beziehungsstrukturen eigenen Überforderungs- und Versagensgefühlen entspannend und entkräftend entgegenwirkt.
Ich denke, ich muss – zusätzlich zu diesen Erkenntnissen – auch etwas geduldiger werden. SIE hat diese Geduld: auch wenn ich sie über Jahre immer mal wieder an ihren Vater erinnert habe, hat sie sich mir nicht verschlossen, sondern sich mir immer mehr geöffnet, bis hin zu ihrer Mitteilung, dass ich bei SIE bei Streitsituationen an ihren Vater erinnere. Dieses zeigt auch, wie intensiv und „fruchtbar“ die Beziehung zwischen IHR und mir geworden ist. Dieser Vertrauensbeweis mir gegenüber durch ein Kind, dass über Jahre hinweg beziehungsbehindert gemacht worden ist und keine vertrauensvollen Situationen erleben durfte, ist auch ein kleines Geschenk/Lob an mich von dem Kind. Es verdeutlicht, dass wir gemeinsam eine stabile, vertrauensvolle und -würdige – im Sinne eines sicheren Rahmen – und verlässliche Beziehung aufgebaut haben, die es uns beiden ermöglicht, Neuigkeit, offene Prozesse, Streitigkeiten und evtl. auch Retraumatisierung, u.a. auszuhalten und in die jeweilige Persönlichkeit und in den Dialog miteinander zu integrieren.
Ich hoffe, dass ich vor allen Dingen, wenn ich mal wieder denke, „warum tue ich mir das an?“ oder „SIE ist nicht mehr tragbar“, mich selbst oder durch andere an dieses Geschenk erinnere und mir auch klar wird, dass SIE auch ein Recht dazu hat zu sagen, „warum tue ich mir den Vogt nur an?“.

VIII.

Gelingt es uns, psychopathologische Verhaltensauffälligkeiten der uns anvertrauten Kinder als entwicklungslogisches Verhalten und sinnstiftende Reaktionen auf pathologisierende Umweltereignisse zu begreifen, dann können wir z.B. Trigger, Dissoziationen, selbstverletzendes Verhalten nicht mehr als einen natürlichen Bestandteil einer Krankheit oder Behinderung begreifen, sondern müssen sie als Überlebensstrategien bezeichnen. Damit sind sie zweierlei: auf der einen Seite Ausdruck/Beweis für die pathologischen Prozesse, denen das Kind in seiner Herkunftsfamilie/-system ausgesetzt war; auf der anderen Seite sind sie auch ein Ausdruck von Kompetenz, Überlebenswillen, entwicklungsfähigen Ressourcen des Kindes. Die Verhaltensauffälligkeit – als ein Begriff aus der defizitären pädagogischen Sichtweise -, die ich als Pädagoge in Entwicklungsberichten beschreibe, in Diskursen mit KollegInnen plakativ und eigentlich Sinnbild meines Nichtverständnisses für das kindliche Verhalten setze, ist im Grunde genommen ein Ausdruck der Verhaltenskompetenz des Kindes.
Fasse ich hinsichtlich Triggervermeidung in der pädagogischen Arbeit meine Erfahrungen und geführten Diskussionen zusammen, dann würde ich zum jetzigen Zeitpunkt sagen, dass Triggervermeidung kein primäres Ziel meines pädagogischen Schaffens ist. Betroffene Menschen haben mir im Diskurs auch mitgeteilt, dass sie nur von Triggern sprechen, wenn ihnen diese noch unbewusst sind (denn wären sie einem bewusst, können sie damit agieren), dass sie die Herausbildung von Triggern auch als Überlebensstrategien begreifen und durch eine Konzentration auf Triggervermeidung, die Beziehung behindert wird. Für diese Hinweise und Gedanken bin ich dankbar und sie führen mich wieder zum Wesentlichen:
Primäres Ziel des pädagogischen Handelns muss die Herstellung eines geschützten, stabilen und beziehungsreichen und -verlässlichen Rahmens sein. In der Fachliteratur werden die Begriffe stabiler bzw. sicherer äußerer Rahmen und stabiler bzw. sicherer innerer Rahmen genannt. Dieses Ergänzungspaar ist wichtig und entwicklungsfördernd für jeden Menschen; sie sind da in keinster Weise traumaspezifisch zu sehen, sondern nach meiner Meinung eine Bereicherung für jede/n. Der Sachverhalt – als pädagogische MitarbeiterIn im pädagogischen Arbeitsfeld MitverursacherIn von Triggern zu sein – relativiert sich in Abhängigkeit von der Qualität der pädagogischen Beziehung, mit der Möglichkeit der Auflösung von Triggern.

„Ausschlaggebend ist nicht die pädagogische Absicht,
sondern vor allen Dingen die pädagogische Begegnung“.
(Martin Buber)

„Jede Form von Lernen….
verlangt einen Raum sicherer Bindung,
innerhalb dessen erst
optimale Neugier und Exploration möglich ist.“

(W.Jantzen)

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