[2002] Minesweeper - Einige Randbemerkungen zum pädagogischen Alltag mit traumatisierten Kindern
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[2002] Minesweeper – Einige Randbemerkungen zum pädagogischen Alltag mit traumatisierten Kindern

mines© M. Kühn, 2002

Mittagszeit. Die Mitarbeiterin ist bei der Essensvorbereitung, als die Kinder der Wohngruppe nach und nach aus der Schule kommen. Da es heute Nudeln gibt, sitzen auch alle bald am Tisch. Als die Kollegin die rote Flasche mit der Nudelsauce auf den Tisch stellt, geschieht es: Jonas, der Jüngste in der Runde, springt schreiend auf, wirft den Teller vom Tisch, ein Stuhl fliegt durch das Zimmer und von jetzt auf gleich ist der Junge „jenseits von Gut und Böse“, zunächst unerreichbar wie es scheint…

Was war geschehen? Erst in der folgenden Teamreflektion liess sich im Nachhinein herausarbeiten, dass die rote Flasche mit einem bestimmten Etikett für Jonas ein triggerndes Moment darstellte. Interessanterweise nicht jede rote Flasche, sondern nur die eines bestimmten Herstellers. Worauf dieser Trigger ursächlich zurückgeht, konnte bis heute nicht eruiert werden. Eine Lösung lag hier auf der Hand: die besagte Flasche wurde entsorgt und im Gruppenbuch wurde festgehalten, dass in Zukunft nur das Produkt eines anderen Herstellers auf den Tisch kommt…

Leider lassen sich viele Situationen nicht so einfach klären. Nicht selten gleicht unser pädagogisches Handeln und Zusammenleben als PädagogInnen mit traumatisierten Kindern einem „Spaziergang durch ein psychisches Minenfeld“. Ein falscher Schritt, ein falsches Wort, eine falsche Geste, Handlung oder Reaktion und schon kommt es zu einem Ausbruch von Trauer, Schmerz, Aggression, der den restlichen Gruppenalltag maßgeblich bestimmen oder verändern kann. Solche Situationen erinnern mich immer wieder an das alte Computerspielchen „Minesweeper“, das eigentlich alle kennen müssten, die je vor einem „Windows“-Computer gesessen haben: Auf einem Spielfeld sind unter verdeckten Feldern Minen versteckt, die – genau gegensätzlich zum bekannten „Schiffe versenken“ – tunlichst vermieden und isoliert werden müssen. Zum Erreichen des Spielzieles gibt es auf jedem aufgedeckten Feld Hinweise für die SpielerIn. Entweder ein freies, graues Feld, das anzeigt, „weit und breit ist vorerst keine Gefahr!“ oder ein Feld mit einer Ziffer, die Hinweise daraufhin gibt, auf wievielen benachbarten Feldern potentiell eine Mine versteckt ist. Nur mit einer Mischung aus strategischen Überlegungen, Beachtung der Hinweise und einem gewissen Fingerspitzengefühl lässt sich das Spiel erfolgreich beenden…

Ähnlich geht es allen, die mit traumatisierten Kindern arbeiten, egal in welchem Kontext. Für die pädagogische Begegnung mit solchen Kindern ist (Erfahrungs-)Wissen, Kombinations- und Beobachtungsgabe, Einfühlungsvermögen, Bejahung und Annahme des Kindes, Empathie und ein Quentchen Glück nötig, um erfolgreich zu sein. Erfolg heisst hier, eine vertrauensvolle, dialogische Beziehung aufzubauen, die es dem Kind ermöglicht, sich neue, positive Entwicklungsräume zu erschliessen.

Traumatisierte Kinder zeigen eine Überwachsamkeit gegenüber aggressiven Reizen, die bedingt durch ihre besondere Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitung zumeist als weitere Bedrohung betrachtet werden müssen (vgl. Petermann, Niebank, Scheithauer, 2000, S. 24). Das problematische ist, dass solch ein „aggressiver Reiz“ auch eine Flasche mit Nudelsauce sein kann, was im alltäglichen Leben nicht vorhersehbar oder einzuschätzen ist. Nach Eberhard und Malter sind diese Kinder „seelisch und körperlich verletzte Kinder, bedürfen [also] primär der Heilung und erst sekundär der Erziehung.“ (vgl. Eberhard und Malter, 2002). „Die massive Abwehr, die anfänglich als Notschutzmaßnahme aufgebaut wurde, muß allmählich die Psyche der Leidenden aus ihrer Umklammerung entlassen. Nur so wird verhindert, daß dissoziierte Aspekte der Erfahrung weiterhin in das Leben der Leidenden eindringen und auf diese Weise die bereits traumatisierten Opfer ständig retraumatisieren.“ (vgl. van der Kolk, McFarlane, Weisaeth, MacFarlanem 2000, S. 311)

Ist die existierende Kinder- und Jugendhilfe darauf eingerichtet?

Ich denke, die Antwort wäre z.Zt. ein klares „Nein!“:

Im klassischen Wohngruppenbereich fehlt es bislang an ausreichendem Personal mit entsprechendem Vorwissen oder Zusatzqualifikationen. Erst langsam dringt das Bewusstsein von den besonderen Befindlichkeiten traumatisierter Kinder in die Einrichtungen, in die Köpfe der MitarbeiterInnen vor Ort. So gibt es bis heute in der Ausbildung von HeimerzieherInnen, SozialpädagogInnen, PsychologInnen und/oder Sonder-/BehindertenpädagogInnen nur rudimentäre Ansätze für eine praktikable „Traumapädagogik“, die aber dringendst notwendig wäre! Der Kampf um dieses Wissen und dessen Umsetzung, soweit es existiert, bleibt jedoch wieder und wieder in den strukturellen Auseinandersetzungen um bessere materielle und personelle Ausstattung hängen, da traumatisierte Kinder keinerlei politische Lobby haben und die öffentlichen und freien Träger der Jugendhilfe einem extremen Kostendruck ausgesetzt sind.

„Eine vertrauensvolle Beziehung, in der ein seelisch und hirnorganisch traumatisiertes Kind Gefühle der intensiven Wut und Angst ohne Zurückweisung erleben und ausleben kann – das kann weder eine gut beratene, aber liebesunfähige Mutter noch ein gut geführtes, aber mit Schichtdiensterziehern arbeitendes Heim, sondern nur eine intensiv sozialpädagogisch und psychotherapeutisch betreute Pflegefamilie bieten!“ (Kurt Eberhard, 2001) Gut, also schaffen wir noch mehr Pflegefamilien! Aber auch hier tun sich Abgründe in der Praxis auf, wie ich es aus eigener Anschauung weiss. Wie intensiv muss die sozialpädagogische und psychotherapeutische Betreuung aussehen? Wer garantiert und finanziert diese? Und wer bestimmt, ob sie ausreichend ist?

Ist also alles aussichtlos in der Gestaltung von Hilfe für traumatisierte Kinder?

Nein, zum Glück nicht, denn ausschlaggebend ist für das betroffene Kind die pädagogische Begegnung. Und diese findet auf vielfältigen Ebenen statt. Daher kommt es mit auf die einzelne PädagogIn an, die – trotz inadäquater finanzieller und struktureller Rahmenbedingungen, die einer Veränderung dringlich benötigen – in ihrem pädagogischen Handlungsfeld mit traumatisierten Kindern, auch unter beschwerten Bedingungen, erfolgreich und dialogisch arbeiten kann.

Bruce Perry, Arzt an der „Child Trauma Academy“, hat in seinem Artikel „Principles of Working with Traumatized Children: Special Considerations for Parents, Caregivers, and Teachers“ einige praktische Hinweise formuliert, die jeder MitarbeiterIn vor Ort, gleich wo sie arbeitet, Anregungen geben sollte, was einem Kind mit Traumaerfahrung helfen kann:

  • „Haben Sie keine Angst über das traumatische Ereignis zu sprechen! Kinder ziehen keinen Nutzen daraus „nicht daran zu denken“ oder „es aus dem Gedächtnis zu löschen“. Wenn ein Kind bemerkt, dass seine ErzieherIn über das Ereignis bestürzt ist, wird es dies nicht zur Sprache bringen. Langfristig macht dies die Gesundung des Kindes nur noch schwieriger. Drängen Sie nicht darauf, das traumatische Ereignis offen zu machen, aber wenn das Kind es tut, verhindern Sie das Gespräch nicht, hören Sie zu, beantworten Sie Fragen, sorgen Sie für Trost und Unterstützung. Oft gibt es keine gute verbale Erklärung, aber Zuhören und Nicht-Abwehr oder Überreaktionen dem Kind gegenüber und anschliessender Trost werden eine entscheidende und langanhaltende Wirkung haben.
  • Stellen Sie ein gleichbleibendes, vorhersagbares Raster für den Tag zur Verfügung! Sorgen Sie dafür, dass das Kind dies Tagesraster kennt. Wenn ein Tag Neues oder Anderes enthält, reden Sie vorher mit dem Kind darüber und erklären Sie, warum dieser Tag anders sein wird. Unterschätzen Sie nicht, wie wichtig es für das Kind ist, dass die BetreuerInnen alles unter Kontrolle haben. Für traumatisierte Kinder ist es fürchterlich (da sie in bezug auf Übersicht sehr empfindsam sind), wenn sie merken, dass ihre BetreuerInnen selbst schlecht organisiert, verwirrt oder ängstlich sind. Es darf hier keine Erwartung an Perfektion geben, aber wie auch immer, wenn BetreuerInneners überwältigt sind, gereizt oder ängstlich; helfen Sie dem Kind einfach zu verstehen, warum dies so ist, und das diese Reaktionen absolut normal sind und verschwinden werden.
  • Seien Sie umsorgend, tröstend und liebevoll bzw. zugeneigt, aber nur in einem angemessen Rahmen! Für Kinder, die durch physische oder sexualisierte Gewalt traumatisiert sind, wird Vertrautheit oft mit Verwirrung, Schmerz, Angst und Verlassenwerden assoziiert. Das Angebot einer Umarmung, eines Kusses oder anderem körperlichen Trost ist für jüngere Kinder sehr wichtig. Ein wichtiges Arbeitsprinzip sollte sein, solches nur anzubieten, wenn das Kind es auch will. Wenn das Kind diese Grenze überschreitet und die Berührung sucht, bleiben Sie freundlich. Das Kind möchte gehalten oder geschaukelt werden – machen Sie mit. Andererseits, versuchen Sie, das Spiel des Kindes oder andere freie Aktivitäten nicht durch Packen/Greifen oder Festhalten zu unterbrechen. Sagen oder befehlen Sie ihm nie „Gib mir einen Kuss!“ oder „Nimm mich in den Arm!“. Missbrauchte Kinder nehmen solche Aufforderungen meistens sehr ernst. Es verstärkt eine sehr bösartige Verbindung in Bezug auf Vertrautheit/körperlichen Trost und Machtausübung (die in der Aufforderung einer erwachsenen Betreuungsperson inhärent ist, wie zb. „zu umarmen“).
  • Besprechen Sie Ihre Erwartungen zum Verhalten und Vorstellung von Disziplin mit dem Kind! Stellen Sie klare Regeln und Konsequenzen beim Brechen der Regeln auf. Stellen Sie für sich und das Kind vorher sicher, welche besprochenen Konsequenzen es für verträgliches oder unverträgliches Verhalten gibt. Bestehen Sie auf Konsequenzen. Sein Sie flexibel, um Gründe und Verständnis für ein bestimmtes Verhalten zu gewährleisten. Nutzen Sie positive Verstärkung und Belohnung. Vermeiden Sie unbedingt physische Disziplinarmaßnahmen.
  • Reden Sie mit dem Kind! Geben Sie ihm angemessene Informationen. Je mehr das Kind weiss, warum wer, wann, wo, und wie die Welt der Erwachsenen funktioniert, umso einfacher ist es, darin einen „Sinn“ zu sehen. Die Unberechenbarkeit und das Unbekannte sind die beiden Komponenten, die ein traumatisiertes Kind noch mehr ängstlich, furchtsam, und deshalb noch mehr symptomatischer machen… – Sie werden dann motorisch aktiver, impulsiver, ängstlicher, aggressiver und haben mehr Schlaf- und Stimmungsprobleme. Ohne faktische Informationen, „spekulieren“ die Kinder (und die Erwachsenen) und füllen die leeren Lücken aus, um eine umfassende Erklärung zu erhalten. In den meisten Fällen sind die Ängste und Befürchtungen des Kindes noch fürchterlicher und verstörender als die wahren Begebenheiten. Erzählen Sie dem Kind die Wahrheit – sogar, wenn es emotional schwierig ist. Wenn Sie für sich keine Antwort haben, sagen Sie es dem Kind. Ehrlichkeit und Offenheit werden dabei helfen beim Kind Vertrauen zu wecken.
  • Achten Sie genau auf Zeichen der Wiederholung des Gewaltereignisses (z.B. im Spiel, in Zeichnungen, im Verhalten), von Vermeidung (z.B. Zurückgezogenheit, Tagträumereien, Vermeidung von Kontakt zu anderen Kindern) und physiologischen Überreaktionen (z.B. Ängstlichkeit, Schlafproblemen, impulsives Verhalten)! Alle traumatisierten Kinder zeigen in einer akuten posttraumatischen Phase eine Kombination dieser Symptome. Viele zeigen diese Symptome noch Jahre nach dem traumatischen Ereignis. Wenn Sie solche Symptome bemerken, ist es sehr wahrscheinlich, dass das Kind entweder durch Gedanken oder Erfahrungen an das Ereignis erinnert wurde. Versuchen Sie das Kind zu trösten und seien Sie tolerant den kindlichen emotionalen und verhaltensmäßigen Problemen gegenüber. Diese Symptome werden zu- und abnehmen – manchmal ohne ersichtlichen Grund. Das beste, was Sie machen können, ist, Emotionen und Verhaltensweisen, die Sie beobachten, zu dokumentieren (Führen Sie z.B. ein Tagebuch) und versuchen Sie Muster im Verhalten zu erkennen.
  • Beschützen Sie das Kind! Zögern Sie nicht, aufregende oder retraumatisierende Aktivitäten für das Kind abzukürzen oder ganz zu stoppen. Wenn Sie eine Zunahme der Symptome beim Kind beobachten, die in bestimmten Situationen auftreten oder eine Folge auf das Gefahrenpotenzial bestimmter Filme, Aktivitäten, usw. sind, vermeiden Sie diese. Versuchen Sie, Tätigkeiten umzustrukturieren oder zu begrenzen, die eine Eskalation von Symptomen im traumatisierten Kind verursachen.
  • Geben Sie dem Kind “Wahlmöglichkeiten“ und das Gefühl von Kontrolle! Wenn ein Kind, und besonders ein traumatisiertes Kind, fühlt, dass es keine Kontrolle über eine Situation hat, wird es vorhersehbar mehr und mehr symptomatisch reagieren. Wenn diesem Kind Wahl- oder Kontrollmöglichkeiten bei einer Handlung oder in der Begegnung mit einem Erwachsenen gegeben werden, wird es sich sicherer, angenehmer fühlen und es wird auf eine “mündigere“ Art und Weise denken und handeln. Wenn ein Kind Schwierigkeiten mit der Einhaltung von Regeln hat, deuten Sie die “Konsequenz“ zu einer Wahlmöglichkeit um – „Du hast die Wahl, entweder tust du, was ich dich gebeten habe oder du wählst das andere. Du weisst, dass dann…“. Noch einmal, diese einfache Umdeutung der Interaktion mit dem Kind gibt ihm ein Gefühl von Kontrolle und kann dabei helfen, Situationen zu entschärfen, in denen sich das Kind ausgeliefert und deshalb verängstigt fühlt.
  • Wenn Sie Fragen haben, holen Sie sich Hilfe! Diese kurzen Richtlinien können nur einen groben Rahmen für die Arbeit mit traumatisierten Kindern bieten. Wissen ist Macht; je informierter Sie sind, umso mehr verstehen Sie das Kind, umso besser können Sie ihm Unterstützung, Förderung und Orientierung bieten, die es braucht.“ (Originalzitat in Englisch)

Dieser letzte Satz hat Aufforderungscharakter für mich, für uns auf den alltäglichen Trampelpfaden im pädagogischen Dschungel! Lernen, um zu verstehen. Entwicklung und Nutzung von Beobachtungs- und Diagnostikmaterialien, um das „fremde“ Verhalten eines traumatisierten Kindes zu entschlüsseln.

Leider gibt es in der pädagogischen Begegnung keinen „Highscore“ oder eine Funktion „Spiel neu starten“ wie bei Minesweeper. Im Dialog mit einem traumatisierten Kind ist all unser Wissen, unsere Erfahrung und unsere Persönlichkeit gefordert, um zu verhindern, dass wir als HelferInnen „alles nur noch schlimmer machen“. Nur so können wir dem Kind einen „sicheren Ort“ anbieten, der es ihm ermöglicht, positive Erfahrungen zu machen, um zu heilen.

Dies sind wir „unseren“ Kindern schuldig…


Quellen:

F. Petermann, K. Niebank, H. Scheithauer (Hrsg.): „Risiken in der frühkindlichen Entwicklung“, Hogrefe Verlag, Göttingen, 2000

K. Eberhard, Chr. Malter:  „Therapeutische Erfahrungen in Pflegefamilien mit traumatisierten Pflegekindern „, Veröffentlichung im Internet, 2002

B. A. van der Kolk, A. C. McFarlane, L. Weisaeth, A. MacFarlane: „Traumatic Stress“, Junfermann, Paderborn, 2000

K. Eberhard, Buchbesprechung der AGSP zum obigen Buch von Petermann, Niebank und Scheithauer, 2001

B. D. Perry: „Principles of Working with Traumatized Children“, Veröffentlichung im Internet

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