"Alles schon probiert...
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„Alles schon probiert…

…und nichts hat funktioniert!“

 

Wer kennt diese Äußerung aus seiner pädagogischen Arbeit nicht? Unzählige Male wurde ich von KollegInnen oder Teams mit diesem Satz in Fallbesprechungen, Fachberatungen und Workshops konfrontiert. Und wissen Sie was? Nicht selten hat es mich selber als Berater zunächst rat- und sprachlos gemacht… – zum Glück wecken solche Erfahrungen seit Jahren meine Neugier und ich wollte daher verstehen, was dahinter steckt.

Hinter diesem Satz steht als allererstes immer die Begegnung mit einem konkreten Menschen, mit einem persönlichen Namen, einer konkreten Geschichte und einer individuellen Strategie zur Lebens- und Alltagsbewältigung. Dieser Mensch kann noch ein Kind, Jugendlicher, aber auch bereits Erwachsener sein, Fakt ist in jedem Fall, die pädagogische Arbeit mit diesem Mädchen, Jungen, Frau oder Mann ist aus pädagogischer Sicht nicht gelungen. Im Gegenteil, häufig scheint sie regelrecht vor „die Wand gefahren“, nichts scheint mehr zu gehen…

Erklärungsansätze

Was ist da geschehen? Es ist der Zustand eines umfassenden Unverständnis auf allen Seiten. Dem gingen in der Regel viele Konfliktsituationen voraus, die nicht selten zu unterschiedlichsten gegenseitigen Kränkungserfahrungen geführt haben:

  • Professionelle Hilfen stellen sich für die AdressatInnen nicht per se als Unterstützung dar. Zum einen stellt sich manchmal die Frage, ob sie Anlass und Ziel der Hilfen überhaupt nachvollzogen haben, zum anderen, ob sie von den professionellen Fachkräften in der „Sinnhaftigkeit“ der individuellen Alltagsbewältigung und ihres Symptomverhaltens verstanden wurden. Anhaltende Erfahrungen des „Nichtverstandenfühlens“ und „Nichtverstehens“ führen zu permanenten Zuständen von Ohnmacht, Hilflosigkeit und Kontrollverlust, also den zentralen Aspekten potentiell traumatisierender Faktoren, die sich in einem ständig hochaktivierten Stresssystem des Individuums manifestieren. Stehen der betroffenen Person nur unzureichende Möglichkeiten zur Stressbewältigung zur Verfügung, werden Reinszenierungen älterer und neuerer Traumabelastungen buchstäblich erzwungen.
  • Professionelle HelferInnen, die sich eventuell sogar in Reinszenierungen ihrer AdressatInnen verstrickt wiederfinden, erleben sich selbst sehr schnell, wenn auch zumeist unbewusst, als unzureichend und hilflos. Diese Wahrnehmung eigener Unwirksamkeit aktiviert das eigene persönliche Stresssystem, so dass so manche sogenannte „pädagogischen Interventionen“ als Ausdruck eigener Notfallreaktionen (Kampf – Flucht – Dissoziation) verstanden werden müssen. Mit Äußerungen wie „…alles schon probiert!“ eröffnen sich Fachkräfte damit dann den Weg in die Opferrolle. Deutlich wird dies besonders an Stellen, wo sich PädagogInnen dann auf unnütze Machtkämpfe einlassen, die bis zu Auschließungsprozessen der AdressatInnen führen können. Prozesse, aus denen sie oft nur mit externer Unterstützung wieder herausfinden können…

„Nichts hat funktioniert…!“ muss also MitarbeiterInnen, Teams und ihre Vorgesetzten alarmieren, denn diese Botschaft ist eine Notsignal der PraktikerInnen im Alltag. Ein Missachten oder eine Bagatellisierung solcher Signale würde auf jeden Fall zu nachhaltigen negativen Konsequenzen auf allen Seiten führen.

Ideen für die Praxis

Was könnten also Wege aus dieser Ohnmachtsfalle sein?

  1. Versorgung der MitarbeiterInnen: 
    1. „Bist du noch bereit?“, die Frage der 1. Wahl! – Bevor überhaupt weitere pädagogische Überlegungen erörtert werden können, muss die Bereitschaft jedes einzelnen Teammitglieds zur weiteren Arbeit mit der/den AdressatInnen geklärt werden. Erst wenn jede MitarbeiterIn zumindest ein, wenn auch noch so kleines, inneres „Ja!“ zur weiteren pädagogischen Arbeit findet, kann zu neuen fachlichen Überlegungen und Strategien übergegangen werden…
    2. Ansonsten ist die Stabilisierung und Versorgung der MitarbeiterInnen in diesem Falle erster Auftrag in Einrichtungen und Maßnahmen von Helfersystemen. Betroffene Fachkräfte brauchen angemessene Zeit- und Raumangebote, um diese Sackgassen der Hilflosigkeit zu überwinden. Dazu gehört eine ausreichende Versorgung durch Fachberatung und traumasensible Supervision, wenn nötig auch in Einzelkontakten, bis sich die kollektive und individuelle Übererregung wieder beruhigen konnte und die fachliche Handlungsfähigkeit wieder anfängt zu wachsen… – dazu bedarf es einer wechselseitigen Betrachtung der Prozesse: Wirkung der AdressatIn auf die Fachkraft auf die AdressatIn auf die Fachkraft, usw.
  2. Traumapädagogische Interventionen:
    1. Das A & O liegt im Verstehen des Verhaltens: Ausgehend von der Grundannahme, dass jedes Verhalten eines Menschen einen individuellen Sinn für ihn hat, gilt es aus fachlicher Sicht, sich die unterschiedlichen Verhaltensweisen der AdressatIn zu erschließen und deren Sinnhaftigkeiten zu entschlüsseln (Jantzen 1996, Kühn 2014). Eine hilfreiche Methode stellt die „Weil-Frage“ (Weiss 2013) dar, also sich in einer Fallbesprechung mit der Frage zu beschäftigen: „Er/sie macht das, weil…!?“ – zunächst werden in der 1. Runde im Rahmen eines Brainstorming alle möglichen Antworten unkommentiert gesammelt. In Runde 2 werden die hilfreichsten Hypothesen markiert und in Runde 3 daraus praktische Ideen entwickelt. So kann erfahrungsgemäß bereits in 30 – 45 Minuten ein ganzer Strauss an neuen Ideen für Handlungsmöglichkeiten entwickelt werden.
    2. Ein weiterer hilfreicher methodischer Ansatz ist die Suche nach Ausnahmen vom sogenannten „Problemverhalten“, denn in der Betrachtung und Analyse der Ausnahmen liegen häufig Ansätze für Lösungen: Also, „in welchen Situationen taucht das Problemverhalten nicht auf?“ – welche Zusammenhänge gibt es zu zeitlichen, räumlichen oder interpersonellen Zusammenhängen? Diese Suche führt zu einem spannenden Prozess, denn viele AdressatInnen verfügen bereits über Verhaltensalternativen, die im Alltag allerdings oftmals übersehen werden, anstatt sie für Veränderungsprozesse nutzbar zu machen.

 

Wie auch immer, zentrale Bedeutung hat die Überwindung von Ohnmacht und Hilflosigkeit auf Seiten der PädagogInnen und der AdressatInnen ihrer Arbeit, mit dem Ziel die Handlungsmöglichkeiten auf allen Seiten wieder zu erweitern…

Möge es helfen!

Ihr Martin Kühn

 

Literatur:

  • Jantzen, Wolfgang (1996): Diagnostik, Dialog und Rehistorisierung: Methodologische Bemerkungen zum Zusammenhang von Erklären und Verstehen im diagnostischen Prozess. In: Jantzen, Wolfgang / Lanwer-Koppelin, Willehad (Hrsg.): Diagnostik als Rehistorisierung. Methodologie und Praxis einer verstehenden Diagnostik am Beispiel schwer behinderter Menschen. Berlin: Spiess, S. 9–32
  • Kühn, M. (2014): CSI Pädagogik. Unveröffentlichtes Vortragsskript. Großstadtmission Hamburg
    14.02.2014
  • Weiß, W. (2013): Philipp sucht sein Ich. Zum pädagogischen Umgang mit Traumata in den Erziehungshilfen.
    7. Auflage. Weinheim/Basel: Beltz Juventa
© 2018, Martin Kühn
Foto: unsplash.org
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