[2005] Grenzstörungen - „Stehlen“ und „Lügen“ bei Kindern im Jugendhilfekontext
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[2005] Grenzstörungen – „Stehlen“ und „Lügen“ bei Kindern im Jugendhilfekontext

abgrenzung_sm© 2005, Jochen Uttendörfer

Wir kennen es alle: Kinder in einem bestimmten Alter sehen etwas (z. B. die Banane auf dem Obstteller; die Schokolade im Süßigkeitenfach des Schrankes; das gelbe Postauto vom Bruder im Nachbarzimmer) und nehmen es mit.

Wir Erwachsenen verfügen meistens auch über eine gewisse Toleranz, mit solchen „Mein-und-Dein-Schwierigkeiten“ umzugehen, wissen wir doch: nach einer gewissen Zeit der Ansprache, des Trainings, der Wiederholung wird diese Unschärfe im Verhalten des Kindes behoben sein. Das Kind wird gelernt haben, zwischen Mein und Dein zu unterscheiden. Es wird sich eingebunden fühlen in die Regeln der Familie, die vielleicht lauten: „wer etwas vom Obstteller nehmen möchte hat zuvor zu fragen“ oder „Obst gibt es nur nach den Mahlzeiten“.

Wir kennen auch das: einem Kind ist beim Spielen eine Fensterscheibe zerbrochen. Wir bekommen es von einem anderen der Gruppe zugetragen. Wir sprechen das Kind darauf an. Es antwortet auf unsere Frage, dass es mit dem, was da kaputt gegangen sein, nichts zu tun habe und erfindet dazu eine Geschichte, die uns beweisen will, dass es damit auch nichts zu tun haben kann. Wir sind vielleicht überrascht und ärgerlich über diese „Geschichte“. Das Kind hält unseren Ärger dann nicht gut aus und es bekennt sich dazu, dass ihm da vorhin etwas misslungen ist. So ist der häusliche Friede wieder hergestellt.
Oder das Kind hat gelernt, unseren Fragen und unserem Ärger irgendwie stand zu halten und es vermeidet hartnäckig, Verantwortung für sein Tun zu übernehmen, indem es beharrlich an seiner Geschichte fest hält. In unserer Bewertung über den Vorgang mag aus der „Geschichte“ jetzt schon eine „Unwahrheit“ werden. Die weitere Auseinandersetzung über den Vorfall zwischen Kind und Erwachsenem mag eskalieren. Wenn sich solche Geschehnisse jetzt noch wiederholen wandelt sich die Geschichte des Kindes in unseren Ohren zur „Lüge“.Zwei Vorkommnisse, die zu bestimmten Zeiten in der Entwicklung eines Kindes von den meisten Eltern als normal angesehen werden.Solch ein Verhalten eine Zeit lang als normal anzusehen heißt, dass es in uns so etwas wie ein intuitives Wissen darüber gibt, wie Entwicklung von Kindern vonstatten geht und dass Verhaltensweisen wie „Stehlen“ und „Lügen“ zu einer bestimmten Zeit durchaus zum Repertoire der meisten Kinder gehören können. In dieser Zeit werden Unterschiede gelernt, z. B. der zwischen „Mein“ und „Dein“ oder der zwischen „Wahrheit“ und „Erfindung“.

Nun gibt es Kinder, die aus Familien heraus genommen werden mussten, weil dort nicht mehr gut genug für sie gesorgt wurde und die in ihren neuen Lebensräumen, z. B. in der Pflegefamilie oder in der Heimgruppe, scheinbar sehr hartnäckig an solchen Verhaltensweisen wie „Stehlen“ oder „Lügen“ festhalten und damit nicht unerheblich zum Unfrieden in diesen Familien beitragen. Diese Kinder stehlen immer wieder – und leugnen dieses Verhalten bis „aufs Messer“, oder einfach bis an die Grenzen der Verzweiflung oder Hilflosigkeit von Pflegemutter und Pflegevater oder Erzieher und Erzieherin.

Wir wissen mittlerweile: sie tun dies nicht in böser Absicht! Aber warum fällt es uns so oft so schwer, zu verstehen – und damit angemessen umzugehen – wozu Kinder so extrem in ihrem Fehlverhalten verharren? Was muss bei dieser Thematik stärker beachtet werden um verstanden werden zu können?
Schärfer ins Blickfeld zu nehmen ist die Tatsache, dass jedes Kind lernen muss, Grenzen zwischen sich und anderen zu ziehen, aber auch Grenzen zwischen sich und anderen zu respektieren. Das Elementarste ist dabei die Grenze zwischen dem „Ich“ und dem „Du“.
„Grenze“ ist hierbei zuerst einmal ein abstrakter Begriff, der meine Haltung ausdrückt, mit der ich meine Person, meine Gefühle, meinen Wert, meine Identität, meine Ideen, mein Wohlbefinden wahrnehme und vor dem von anderen, einem DU, abgrenze und beschütze. Auf die materielle Ebene übertragen bedeutet diese Grenze z. B. den Unterschied zwischen dem, was mir gehört und dem, was einem anderen gehört erkennen zu können und so zu lernen, zwischen „Mein“ und „Dein“ zu unterscheiden.

Auf dem Erkennen des basalen Unterschieds zwischen „Ich“ und „Du“ bauen somit alle weiteren Schritte der Grenzziehung auf.
Es gibt noch zahlreiche weitere basale Unterschiede, zu denen Kinder Grenzen entwickeln müssen und die alle in der Persönlichkeit des Kindes miteinander in Verbindung stehen: beispielsweise dort wo Kinder häufig und hartnäckig lügen, ist der Unterschied zwischen „Wahrheit“ und „Erfindung“ nicht deutlich genug ausgeprägt.
Ganz wichtig sind auch die Unterscheidungen zwischen „Vergangenheit“ und „Gegenwart“ oder „damals“ und „jetzt“, die ebenso gelernt werden müssen und die eine wesentliche Grundlage zur sinnvollen Unterscheidung zwischen „Wahrheit“ und „Erfindung“ bedeuten.
Kinder, die es in ihrem frühen Leben schwer hatten, sich zu entwickeln, weil sie schlechte Entwicklungsbedingungen hatten,

  • entweder weil sie von Erwachsenen zu wenig bekamen, d. h. vernachlässigt wurden oder keine verlässliche Bindung zu einer festen Bezugsperson bestand,
  • oder weil sie von Erwachsenen zu viel bekamen, d. h. misshandelt oder missbraucht wurden,

konnten nicht die Sicherheit einer klaren Wahrnehmung als Grundlage des Erkennens einer Grenze (z. B. die zwischen mir und Dir oder einem „Ich“ und einem „Du“) erfahren. Wenn diese Grundlage nicht gegeben ist, kann sich auch später nur schwer eine klare Wahrnehmung darüber entwickeln, dass es Unterschiede oder „Grenzen“ gibt, die das Zusammenleben zwischen Menschen regulieren. Zu nichts anderem sind Grenzen notwendig. Ohne ein klare Grenzziehung zwischen einem „Ich“ und einem „Du“ ist die Entwicklung einer klaren Grenze zwischen einem „Mein“ und einem „Dein“ also nicht möglich.

Wissenschaftler, die sich mit der Psychotraumatologie, der Lehre von den Wirkungen und den Folgen von Traumatisierungen, befassen, nennen solche Störungen „Grenzstörungen“. In der Regel sind Grenzstörungen als das Ergebnis einer oder vieler Grenzüberschreitungen zu werten, in deren Folge Kinder sich später an Verhaltensweisen fest zu beißen scheinen, die uns dann in Verhaltensformen wie hartnäckigem „Lügen“ oder „Stehlen“ begegnen.

Kinder, deren Grenzen durch Vernachlässigung, durch Missbrauch oder Misshandlung von den Erwachsenen überschritten wurden und denen hierdurch in ihrer Entwicklung Schaden zugefügt wurde, lernen äußerst schwer, Grenzen zwischen sich und anderen genau wahr zu nehmen und respektvoll damit umzugehen. Das „Du“ und das „Ich“ sind keine klar getrennten Einheiten: ein „Ich“ ist oft mit Anteilen eines „Du“ vermischt. Wir nennen das auch Täterintrojekte. Ein Kind mit solch einem Täterintrojekt reagiert in Belastungssituationen, die es an die traumatische Erfahrung erinnert, mit Verhaltensformen, die der Täter früher gebraucht hat, z. B. mit Gewalt.

Erinnerungen an schlimme Ereignisse rufen im Kind schlimme Gefühle wach. Durch die Erinnerung ausgelöst empfindet das Kind jetzt „wie damals“, als das schlimme Ereignis geschah. Hier funktioniert die Grenzziehung zwischen „Vergangenheit“ und „Gegenwart“ nicht ausreichend.

Unser Kind aus dem obigen Beispiel, dem „jetzt“ die Glasscheibe kaputt ging, erschrickt. Dieser Schrecken erinnert daran, dass dem gleichen Kind „damals“, zwei Jahre zuvor in der Herkunftsfamilie, bevor es in die Pflegefamilie oder in das Heim kam, bei einer Reihe von Misshandlungen schon einmal großer Schrecken und heftiger Schmerz zugefügt wurde. Der Schrecken von „jetzt“ vermischt sich mit der Erinnerung an den Schrecken von „damals“. Das Kind kann jetzt nicht mehr zwischen „Gegenwart“ und „Vergangenheit“ unterscheiden. Es fühlt sich zeitlos an, und bei der Vorstellung (Imagination) wegen des kaputten Teiles wiederum einen heftigen Schrecken und einen heftigen Schmerz zugefügt zu bekommen, also „misshandelt“ zu werden (so die Phantasie und Erwartung des Kindes) wird eine Geschichte erfunden, die nicht nur von dem kaputten Fenster ablenken soll, sondern ganz besonders von dem Schrecken und dem Schmerz, der sich so heftig aus der Erinnerung heraus drängte.

Ist dieser Prozess des Erfindens einer Geschichte auf dem Hintergrund der Erfahrung des Kindes und des gegenwärtigen Geschehens nicht eine kluge Einrichtung in dem Kind?

Auf uns wirkt diese Ablenkung oder besser: das Vermeidungsverhalten wie Lügen. Vor allem dann, wenn wir den hier skizzierten und vereinfachten Prozess, der im Kind ausgelöst wird, nicht kennen und wir nur mit dem Ergebnis (eine Lüge) konfrontiert werden.

Auf diesem Hintergrund unklarer Grenzen zwischen einem „Ich“ und einem „Du“ ist es für Kinder mit schlimmen Erfahrungen in der Vergangenheit schwierig zu unterscheiden was „meins“ und was „deins“ ist. Familienregeln lassen sich auf solch leicht zu verwirrenden vergangenen und jetzigen Erfahrungen nicht dauerhaft behalten, geschweige denn befolgen, da sich Grenzen (und die sie regulierenden Regeln) in Belastungssituationen bei Kindern und Jugendlichen auflösen.
Vielleicht ist es für uns mit diesem Wissen jetzt leichter zu verstehen, dass sich Kinder mit Grenzstörungen schwer tun, sich an die in der Pflegefamilie oder der Heimgruppe gelebten Regeln anzupassen. Darüber hinaus ist ein verstehendes Wissen hilfreich, zu Grenzstörungen bei traumatisierten Kindern die notwendige Distanz zu gewinnen, um auf „Stehlen“ oder „Lügen“ etwas gelassener zu reagieren und einwirken zu können.
Eine weitere praktische Auswirkung dieses Wissens und Verstehens sollte sein, in uns eine Einstellung zu entwickeln, dass das Kind nicht mit böser Absicht lügt oder stiehlt. Eine solche Einstellung verbessert unsere Ausgangslage in der Verhandlung mit dem Kind über dessen Grenzverletzung erheblich.
Zum dritten ist es für Kinder mit Grenzstörungen existentiell wichtig, sich in Sicherheit fühlen zu können. Diese Sicherheit ist am besten dann garantiert, wenn bei unserem Handeln der innere Prozess des Kindes, durch den das Kind gesteuert wird, mit einbezogen wird.

Hier liegt unsere Hauptaufgabe, dem Kind diese Sicherheit immer wieder neu zu vermitteln, und uns damit die Sicherheit zu geben, dass es uns mit dem unangepassten Verhalten nicht verletzen will.

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