[2008] Reinszenierung sexueller Gewalterfahrung - Mädchenspezifische Bewältigungsversuche und Folgeerscheinungen von sexueller Gewalt
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[2008] Reinszenierung sexueller Gewalterfahrung – Mädchenspezifische Bewältigungsversuche und Folgeerscheinungen von sexueller Gewalt

OLYMPUS DIGITAL CAMERA© 2008, Regina Sänger
(Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin!)
[Foto: © SarahC. / PIXELIO]

(Vortrag im Rahmen des Fachtages „Sexuelle Übergriffe in der pädagogischen Arbeit verhindern – Kinder und Jugendliche als Opfer und Täter“, LJA Bremen, 05.11.2008)

Definition Sexuelle Gewalt

„Sexuelle Gewalt ist jede Handlung, die an oder vor einem Kind/Jugendlichen entweder gegen den Willen vorgenommen wird oder der das Kind/die Jugendliche aufgrund körperlicher, psychischer oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen kann.
Der Täter nutzt seine Macht- und Autoritätsperson aus, um seine eigenen Bedürfnisse auf Kosten des Kindes zu befriedigen. Weitere Komponenten der Gewalt sind Unterwerfung und Demütigung.“

Der Schweregrad sexueller Gewalt reicht von Nötigungen, pornographische Bilder anzusehen, sich nackt zu zeigen, sich anfassen zu lassen, den Erwachsenen zu befriedigen, bis hin zur Vergewaltigung.


Jedes vierte bis fünfte Mädchen und jeder neunte bis zwölfte Junge leidet unter sexuellen Gewalterfahrungen.
Erlittene sexuelle Gewalt gehört zu den Ursachen für die Entstehung von Traumatisierung und ist für besonders schwere Symptome und Verhaltensauffälligkeiten bei betroffenen Kindern und Jugendlichen verantwortlich. Sexuelle Gewalt schädigt die Integrität von Selbst und Körper in massiver Weise.

Sexuelle Übergriffe in der Kinder- und Jugendhilfe

Sexuelle Übergriffe in der Kinder- und Jugendhilfe werden verstärkt öffentlich diskutiert, seit ehemalige „Heimkinder“ aus den Heimen der Nachkriegszeit in Deutschland erhebliche Vorwürfe äußerten: Sie wurden körperlich misshandelt, ausgebeutet und waren Opfer sexueller Gewalt. Sogar der Papst hat öffentlich Entschuldigungen ausgesprochen für das Leid, das Betroffene in kirchlichen Erziehungseinrichtungen erfahren haben.
Sexuelle Übergriffe durch Fachkräfte sind ein Bereich sexueller Gewalt in der Kinder- und Jugendhilfe, den anderen stellen die Übergriffe unter den Kindern und Jugendlichen selbst dar.

Risikofaktoren sexueller Gewalt in der Kinder- und Jugendhilfe:

Strukturelle Machtgefälle und Abhängigkeitsverhältnisse begünstigen in allen sozialen Arbeitsfeldern jede Form von Missbrauch und Gewalt.
Fast alle Kinder und Jugendlichen in der KJH können aufgrund ihrer biografischen Erfahrungen als besonders gefährdet einschätzt werden. Aufgrund problematischer Beziehungserfahrungen ist ihre Abwehr geschwächt und sie lassen sich sehr leicht manipulieren.
Die große Bedeutung, die der Sexualität in Kindheit und Jugend zukommt, wird in der KJH durch die Erfahrungen unangemessener sexueller Normen und nicht altersadäquaten sexuellen Verhaltensweisen noch verstärkt.
Verschiedene Untersuchungen kamen zu dem Ergebnis, dass von heute erwachsenen Sexualstraftätern bereits 30 bis 50% im Kindes- und Jugendalter durch sexuell abweichendes oder sexuell aggressives Verhalten aufgefallen sind, worauf jedoch inadäquat oder gar nicht reagiert wurde (Deegener, 1999).
Ca. 20 % der Tatverdächtigen von Sexualdelikten war 2005 zum Tatzeitpunkt unter 21 Jahre alt. In einer Studie in NRW wurde bei einer Befragung von jungen Sexual(straf)tätern deutlich, dass 17 % ihre Taten in Einrichtungen der Jugendhilfe begannen.
Mädchen werden in dieser Dynamik auch zu Täterinnen, aber sie geraten deutlich häufiger in die Opfer-Rolle (ca. 80 %). Sexuelle Gewalt durch Mädchen beinhaltet neben der Ausübung von körperlicher oder psychischer Gewalt auch die Beteiligung an sexuellen Gewalttaten in Gruppen und die „Auslieferung“ anderer Mädchen an Jungen und Männer.

Zu den geschlechtsspezifischen Folgeerscheinungen bei Mädchen zählen:

  • Selbstschädigendes und selbstverletzendes Verhalten
  • sexualisiertes Verhalten
  • Ess-Störungen
  • Körperbild-Störungen
  • psychosomatische Erkrankungen
  • geringes Selbstwertgefühl, Selbst- und Fremdabwertung
  • Scham- und Schuldgefühle
  • Depression und Suizidalität
  • allgemeine Entwicklungs- und Persönlichkeitsstörungen
  • posttraumatische Belastungsreaktionen
  • dissoziative Störungen
  • und das Risiko, erneut Opfer sexueller Übergriffe oder als Täterin sexuell übergriffig zu werden.

Das Risiko für Mädchen, erneut Opfer sexueller Gewalt zu werden, hängt vor allem mit den besonderen Schädigungsdynamiken zwischen Täter und Opfer zusammen, die ihr gesamtes (auch zukünftiges) Fühlen, Denken und Handeln prägen:

  • Schädigungsdynamik traumatische Sexualisierung
  • Schädigungsdynamik Ohnmacht
  • Schädigungsdynamik traumatische Sexualisierung (nach David Finkelhor, 1993):
    • Belohnung für sexuelles Verhalten, das dem Entwicklungsstand des betroffenen Mädchens nicht entspricht
    • Zuwendung und Aufmerksamkeit im Austausch für Sexualität
    • Vermittlung falscher bzw. unüblicher Vorstellungen über Sexualität und unüblicher sexueller und moralischer Werte
    • Koppelung von sexueller Aktivität mit extrem negativen Gefühlen und Erinnerungen

Mögliche psychische Folgen:

  • gesteigerte Konzentration auf sexuelle Themen
  • Verunsicherung bezüglich der eigenen sexuellen Identität und sexuellen Normen
  • Verunsicherung bezüglich der Bedeutung von Sexualität für Liebe und Zuwendung
  • negative Besetzung von sexuellen Aktivitäten und körperlicher Erregung bis zu einer Aversion gegenüber Sexualität oder Nähe

Mögliche Symptome im Jugendlichen- und Erwachsenenalter:

  • übersteigertes, zwanghaftes, altersinadäquates und aggressives sexuelles Verhalten
  • Promiskuität (häufig wechselnde Sexualpartner)
  • Prostitution
  • Vermeidung von Sexualität bis zu phobischer Reaktion
  • sexuelle Störungen, Erregungs- und Orgasmusprobleme
  • sexualisiertes Erziehungsverhalten als Eltern

Schädigungsdynamik Ohnmacht:

  • Überschreitung der Körpergrenzen gegen den Willen des Mädchens
  • Einsatz von Manipulation und / oder Gewalt
  • das Mädchen fühlt sich unfähig, sich selbst zu schützen oder den Missbrauch zu stoppen
  • das Mädchen kann sich nicht glaubwürdig vermitteln

Mögliche psychische Folgen:

  • Gefühl der Verletzbarkeit der Körpergrenzen
  • Angst
  • verstärktes Kontrollbedürfnis
  • verringerte Selbstwirksamkeit, Selbstwahrnehmung als schutzloses Opfer
  • Identifikation mit dem Aggressor, Entstehen von Täter-Introjekten (Übernahme von Verhalten oder Denkweisen, Überzeugungen des Täters, die als Eigenes wahrgenommen werden)

Mögliche Symptome im Jugendlichen- und Erwachsenenalter:

  • Alpträume, Phobien, somatische Beschwerden
  • Depression
  • ungesteuert aggressives Verhalten bis hin zur Delinquenz
  • Gefahr der Reviktimisierung aufgrund der erlernten Hilflosigkeit
  • Übernahme der Täterrolle, um Ohnmacht in Allmacht zu verkehren

In der Kombination dieser speziellen Dynamiken liegen für Mädchen die Grundlagen dafür, wieder Opfer zu werden, da sie sich nicht abgrenzen können, sich sexuell provozierend auch Erwachsenen anbieten und in Gefahren-Situationen dissoziieren. Oder in einer Umkehrung der Täter-Opfer-Dynamik nun selbst zur Täterin (oft gegenüber Jüngeren oder Schwächeren) zu werden.

Wenn wir uns mit realen sexuellen Übergriffen unter Mädchen und Jungen in der pädagogischen Arbeit auseinandersetzen, gibt es neben den spezifischen Folgen sexueller Gewalt drei Aspekte, die für das Verständnis und die Präventionsarbeit eine besondere Rolle spielen:

  • Sexualisiertes Verhalten
  • Reinszenierung
  • Dissoziation

Sexualisiertes Verhalten

Mädchen mit sexuellen Gewalterfahrungen haben gelernt, Kontakt und Zuwendung über sexuelles Verhalten zu bekommen, ihren Gefühlen nicht zu trauen und auf Erpressung oder Einschüchterung entsprechend zu reagieren. Sie verhalten sich oft sexuell provozierend, distanzlos und übergriffig – anderen Kindern und Jugendlichen sowie auch Erwachsenen gegenüber.
Besonders in der Pubertät wirkt sich die allgemeine Sexualisierung von Weiblichkeit in unserer Gesellschaft (öffentliche Darstellung (halb-)nackter Frauen in Werbung, Zeitungen, Zeitschriften, Fernsehen) gravierend auf die Identitätsentwicklung dieser Mädchen aus (fehlende weibliche Rollenvorbilder).

Es wird als problematisch beschrieben,

  • wenn die sexuellen Verhaltensäußerungen eines Kindes ausschließlich auf Personen gerichtet sind, die nicht dem Alter oder Entwicklungsstand des Kindes entsprechen
  • wenn die sexuellen Interessen eines Kindes über längere Zeit nahezu alle anderen Interessen dominieren, so dass andere Aktivitäten behindert werden,
  • wenn das Verhalten über die Zeit eine Steigerung bezüglich der Häufigkeit, Intensität und Aggressivität erfährt
  • wenn das sexuelle Verhalten vom Kind selbst als unangenehm erlebt wird.

Formen sexualisierten Verhaltens:

  • Unangemessenes, distanzloses sexuelles Verhalten (z.B. „verführerisches“ Verhalten, anhaltendes Masturbieren in der Öffentlichkeit, Aufforderung zu sexueller Stimulation)
  • „Frühreifes“ sexuelles Verhalten (z.B. altersunangemessenes Sprechen über Sexualität, sexualisiertes Spiel mit Puppen oder anderen Kindern, versuchter oder durchgeführter Geschlechtsverkehr)
  • Erzwingen von sexuellem Verhalten durch körperliche Gewalt, verbale Drohungen oder sozialen Zwang
  • Funktionalisierung von Sexualität in Beziehungen

Bei sexueller Gewalt durch ein Elternteil oder eine nahe Bezugsperson kommt der Abhängigkeit des Mädchens von dieser Person eine große Bedeutung zu. Durch sexuelle Gewalthandlungen wird ihr Grundvertrauen in die wichtigsten Beziehungspersonen erschüttert. Das Mädchen lernt, dass Zuneigung und Liebe mittels sexueller Handlungen zu erlangen sind. Sie sorgt für die Stabilität der Familie und wird mit Geschenken, Geld oder Privilegien belohnt, wenn sie sich fügt. Dieses Beziehungsmuster aus der Kindheit kann im Erwachsenenalter z.B. in Form von sexualisierten Beziehungen in allen Lebensbereichen fortgesetzt werden.

Funktion sexualisierten Verhaltens

Mädchen lenken mit ihrem teilweise provokanten sexualisierten Verhalten die Aufmerksamkeit auf ihre zugrunde liegende Erfahrung bzw. Problematik. Sie finden im sexualisierten Verhalten allerdings auch eine Möglichkeit, mit ihren Erfahrungen umzugehen: Dabei versuchen sie z.B. im Kontakt mit Erwachsenen oder anderen Jugendlichen erneut die Missbrauchssituation wieder herzustellen, sie zu reinszenieren.
Wenn ihnen das gelingt, stimmt die „Welt“ für die Betroffenen wieder. Das bedeutet: der erfahrene Missbrauch ist nichts besonderes, es kann immer wieder passieren, niemand schützt dich, es ist „normal“.
Hier ist eine klare Grenzsetzung und Grenzeinhaltung der betroffenen Erwachsenen bzw. MitarbeiterInnen der Kinder- und Jugendhilfe gefordert.

Reinszenierungen

„Ein Trauma, das man nicht realisiert,
muss man wiedererleben
oder reinszenieren.“
(Pierre Janet, 1889)

Reinszenierung wird in diesem Sinne verstanden als Versuch der Verarbeitung und Bewältigung erlittener Traumata. Durch Misshandlung, Vernachlässigung oder sexuelle Gewalt traumatisierte Menschen, die ihre gewaltvollen Erfahrungen nicht verarbeiten können, wiederholen diese oft in der Gegenwart. Sie verwickeln sich in soziale Situationen, die eine auffallende Ähnlichkeit mit den Situationen aufweisen, in denen sie erstmals traumatisiert wurden. Eine solche Wiederholung führt jedoch nicht zu einer Verarbeitung, sondern im Gegenteil oft zu neuen seelischen und/oder körperlichen Verletzungen. Viele Betroffene, vor allem Kinder, sind sich dabei gar nicht bewusst, dass und auf welche Weise sie frühere Lebenserfahrungen wiederholen.
Der Sinn solcher Reinszenierungen besteht in der Hoffnung, durch die Wiederholung der ursprünglichen Situation selbstbestimmt „Herr oder Herrin“ über das Erlebte zu werden und damit die verlorene Kontrolle wieder zu erlangen. Klinische Erfahrungen zeigen jedoch, dass dies selten der Fall ist, stattdessen bewirkt die Wiederholung oft weiteres Leid für die Opfer und ihr Umfeld.

Für einige Menschen kann diese neue Verletzung dennoch eine Erleichterung gegenüber den sonst unausweichlichen Erinnerungen an das frühere Trauma sein, denn sie ist z.T. selbst gewählt, besser kontrollierbar und weniger gravierend.
Die Reinszenierung traumatischer Erfahrungen ist somit eine Möglichkeit, Rückerinnerungen und damit verbundene Gefühle abzuwehren und zu vermeiden, also ein Abwehrmechanismus. Sie setzt allerdings die Dynamik seelischer Verletzung fort, anstatt sie zu heilen.

In dieser Dynamik sind immer wieder dieselben Rollen zu finden:

  • Die Opferrolle: Nach erlittenen sexuellen Gewalterfahrungen in der Kindheit oder frühen Jugend erhöht sich das Risiko insbesondere für Mädchen und junge Frauen, erneut Opfer von Beziehungsgewalt oder Vergewaltigungen zu werden.
  • Die Täterrolle: Unter straffällig werdenden Jugendlichen ist der Prozentsatz derer, die als Kind durch Gewalt traumatisiert wurden, deutlich erhöht. Hiervon sind v.a. Jungen betroffen.
  • Die Helferrolle: Viele von (sexueller) Gewalt Betroffene engagieren sich für deren Beendigung aus eigener Betroffenheit heraus besonders nachdrücklich, mit dem Risiko, die eigene Traumatisierung zu wiederholen.

Dissoziation

Dissoziation ist die Fähigkeit des Menschen, bedrohliche oder lebensgefährliche Situationen zu überleben, indem die Wahrnehmung eingeschränkt wird, Gefühle von Angst und Panik neutralisiert werden. Im Zustand der Dissoziation werden wir unempfindlich gegen Schmerzen, blenden Reales aus, verdrängen und vergessen, „beamen“ uns aus Situationen weg.
Dissoziation stellt das Gegenteil von Assoziation (Zusammenfügen) dar – bedeutet Trennen und beiseite schieben. Es wird zwischen alltäglicher und pathologischer Dissoziation unterschieden. In der Psychotraumatologie bedeutet Dissoziation einen Zustand, in dem Gedanken und Gefühle getrennt werden bzw. die Integrität des Erlebens und des Handels verloren geht. In traumatischen Situationen schützt Dissoziation also davor, von Angst, Schmerz und eskalierender Erregung überwältigt zu werden und hilft somit Erfahrungen auszuhalten, die jenseits des Erträglichen sind. In diesem Sinne verstehen wir die Dissoziation als eine Überlebensstrategie und Schutzfunktion unseres Organismus.
Die Funktion der Dissoziation als Traumafolge ist, den betroffenen Menschen auch zukünftig vor allem zu bewahren, das an das Trauma selbst rühren oder Erinnerungen wecken könnte. Besonders wenn keine Möglichkeit besteht, das Erlebte zu verarbeiten (wie häufig bei sexuellen Übergriffen über längere Zeit), treten dissoziative Zustände immer wieder auf und scheinen unkontrollierbar zu sein. Die Schutzfunktion weitet sich auf das gesamte Alltagsleben aus und tritt oft schon bei leichten Anforderungssituationen auf (Schule, Fahrkarten kaufen).

Formen von Dissoziation:

  • Alltagsdissoziation: Tagträumen, „Autobahnhypnose“
  • Einschränkung der Wahrnehmung, z.B. Tunnelblick
  • Amnesie (Fehlen wichtiger Erinnerungen zur eigenen Geschichte weit über das Maß der normalen Vergesslichkeit hinaus)
  • Depersonalisation (Veränderung der Selbstwahrnehmung, die Person fühlt sich fremd im eigenem Körper – sie beobachtet sich von außen, reagiert aber angemessen auf ihre Umwelt)
  • Derealisation (Gefühl der Unwirklichkeit, Umwelt wird als fremd verändert wahrgenommen)
  • Fugue (unerwartetes Weggehen von der gewohnten Umgebung, das bis zur Annahme einer neuen Identität bei gleichzeitiger Desorientiertheit zur eigenen Person führen kann)
  • Somatisierung (Verschiebungen von traumatischen Erfahrungen in körperliche Symptome)
  • dissoziative Identitätsstörung (mehr als eine getrennte, völlig unterschiedliche Identität oder Persönlichkeitszustände vorhanden, die im Wechsel das Verhalten einer Person bestimmen)

Der dissoziative Lebensstil

Bei innerfamiliärer sexueller Gewalt hat das Mädchen keine andere Chance, als sich dem misshandelnden Elternteil auch auf der Suche nach Schutz, Trost und Hilfe zuzuwenden. Der Verrat des Täters / der Täterin darf also nicht bemerkt werden. Dissoziation dient hierbei nicht nur der Abwehr der überwältigenden Qual, der Überstimulation und der entsetzlichen Gefühle, sondern ist auch eine wichtige Technik, um in äußerst brutalen und chaotischen Situationen Bindung aufrechterhalten zu können. Das Mädchen muss also Aspekte seines Selbst, die das Bösartige des Täters / der Täterin entdecken könnten, unterdrücken. Man nennt dies auch „Blindheit für den Verrat“.
Aus diesen psychischen Mechanismen entsteht der sog. dissoziative Lebensstil von Trauma-Überlebenden, nach Jean Goodwin (1999) „gekennzeichnet von Leugnung der Kindheitstrauma“. D.h. selbst wenn diese Traumata ab und zu in einem Nebensatz erwähnt werden in der Art: „Ja, als der mich noch missbraucht hat“ oder „Naja, er war nicht der Einzige, der mich belästigt hat“, wird das Trauma eher so behandelt, wie täterloyale Erwachsene, etwa die Mutter, in solchen Misshandlungsfamilien mit der vorhandenen Gewalt in der Familie umgehen: wegschauen, bagatellisieren, leugnen.
Täter-Introjekte und täterloyale Anteile haben ihre Wurzeln zum einen in der Identifikation mit dem Aggressor zum anderen in der Identifikation mit den einzigen vorhandenen Bindungsobjekten – den misshandelnden Eltern(teilen) bzw. den täterloyalen (dem Opfer gegenüber gleichgültigen) Etern-(teilen).

Der dissoziative Lebensstil ist gekennzeichnet durch:

  • Nicht-Wissen oder Herunterspielen des Traumas
  • Identifikation mit dem Aggressor
  • Projektion des viktimisierten Selbst auf Andere
  • Freisprechen der misshandelnden Eltern
  • Kindliche Hilfsbedürftigkeit
  • Vermeiden von Introspektion und psychisches „Verflachen“
  • Zynisches Misstrauen allen Menschen gegenüber
  • Verherrlichen von Starksein und Autorität
  • Wiedererleben und Reinszenieren von Traumainhalten
  • Konkrete Auswirkungen im Jugendhilfe-Alltag:

Besonders fatal wirkt sich die Kombination von sexualisiertem Verhalten, Reinszenierung und gleichzeitigen dissoziativen Zuständen aus: Konkret bedeutet dies, dass z.B. ein Mädchen sich sehr sexualisiert verhält und kleidet, sich verführerisch und sexuell provozierend verhält und auf einen ebenso traumatisierten Jungen oder einen skrupellosen Erwachsenen trifft. Wenn sie zudem dazu neigt, erlebte Gewalt zu reinszenieren, wird der nächste Vorfall sexueller Übergriffe nicht lange auf sich warten lassen. In den meisten Fällen reinszenierter sexueller Gewalt werden die Betroffenen dissoziieren, sobald Erinnerungen an die traumatischen Situationen geweckt werden (z.B. wenn sie sexuelle Erregung spüren, festgehalten werden usw.). Das bedeutet, dass sie jede noch mögliche Kontrolle aufgeben, sich innerlich aus der Situation wegbeamen – und retraumatisiert werden.

Die komplementäre Partnersuche (Michela Huber, 2007):

  • Sexuell traumatisierte Mädchen suchen sich / geraten oft an übergriffige Männer oder (sexuell) gewalttätige Jungen (mit oder ohne eigene Erfahrungen sexueller Gewalt):
    • Mädchen suchen einen „männlichen“ Partner, der sie rettet: Identität „Täter-Retter“ und verhalten sich selbst eher als „Beute“ (Opfer-Identität)
    • Jungen unterdrücken ihre Opfer-Identität zugunsten Coolness „Täter-Retter“ und suchen eher ein „Weibchen“ / Beute

So finden sich in der Jugendhilfe oft die ungünstigsten Kombinationen von Opfern und Tätern, die die Spirale traumatisierter Eltern-Generationen weiter drehen. Psychoedukative Gespräche mit Mädchen über die Wirkung ihres Verhaltens, ihre Sehnsucht nach Rettung und ihre traumabedingt gesteuerte Partnerwahl können dieser Dynamik entgegenwirken.

„Irgendwie scheine ich dafür zu sorgen, dass es immer wieder passiert.“

Wer sich stets aufs Neue in der Opferrolle wiederfindet, sollte

  • auf psychoedukative Weise erfahren, das man „es“ und warum man „es“ vielleicht immer wieder tut. Der Satz von Janet (s.o.) über Wiederholungen und Reinszenierung könnte der Ausgangspunkt eines solchen Gespräches sein
  • ich mit dem Thema äußere und innere Sicherheit auseinander setzen
  • mit der „Als-ob“-Technik durchspielen, worauf angedachte und angefangene Verhaltensabläufe hinauslaufen, Ziel: dem Lauf der Ereignisse so früh wie möglich eine bessere Wendung zu geben
  • in einem nächsten Schritt lernen, die Auslöser für ihr „Hineinschlittern in Opferverhalten“ zu erkennen und zu vermeiden, d.h. auch Stabilisierungstechniken lernen, die helfen, Dissoziation zu stoppen

Wenn ein Mädchen die eigene Täterschaft immer wieder reinszeniert, heißt es zunächst

  • die Täterschaft sofort beenden
  • Sicherheit für die Opfer herzustellen
  • Aufarbeiten des Geschehenen

Prävention sexueller Übergriffe

Der Schutz vor wiederholten oder erstmaligen sexuellen Übergriffen sollte daher einen hohen Stellenwert besitzen. Dazu dienen in erster Linie sexualpädagogischen Grundregeln, z.B.:

  • Respekt vor der Privatsphäre
  • Respekt vor den persönlichen und körperlichen Grenzen
  • Nacktheit ist privat
  • Jede/jeder schläft im eigenen Bett
  • keine Worte/Beschimpfungen aus dem Bereich Sexualität

Darüber hinaus sollte sexualisiertes Verhalten mit den Kindern und Jugendlichen thematisiert werden. Dazu gehört die klare Abgrenzung gegenüber ungewollten körperlichen Berührungen sowie im Gegenzug eine sexualpädagogische Arbeit zu Körpergrenzen (Mein Körper gehört mir!), Nein-Sagen und Privatsphäre (Nacktheit, Masturbation).
Sexualität, Freundschaft und Liebe sollten im Rahmen sexualpädagogischer Einzel- und Gruppenangebote regelmäßig besprochen werden.
Gleichzeitig ist eine klare und transparente (sexuell) abgegrenzte Haltung der PädagogInnen, verbunden mit der Erfahrung positiver Zuwendung und Aufmerksamkeit z.B. durch gemeinsame Aktivitäten, Sport, Spiele, Geschichten vorlesen bei den Jüngeren, gemeinsam Filme ansehen bei den Älteren, eine hilfreiche Orientierung.
Wenn Kinder und Jugendliche sexuelle Übergriffe durch Erwachsene erfahren haben, können so auch die verwischten Generationsgrenzen wieder errichtet werden. Den Betroffenen wird vermittelt, dass diese Form von Sexualität und Gewalt (auch gesellschaftlich) nicht erwünscht und nicht geduldet wird.


Literatur:

Kohlhofer, Birgit / Neu, Regina / Sprenger, Nikolaj (2008): E.R.N.S.T. machen. Sexuelle Gewalt unter Jugendlichen verhindern
Freund, Ulli / Riedel-Breidenstein, Dagmar (2006): Sexuelle Übergriffe unter Kindern
Nowara, Sabine/ Pirschke, Ralph (2005): „Erzieherische Hilfe für junge Sexual(straf)täter“
Huber, Michaela (2005): Trauma und die Folgen / Wege der Traumabehandlung
Milhoffer, Petra (1999): Sexualerziehung, die ankommt …(Broschüre der BZgA)

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