[2008] Arche reicht nicht! - über die Notwendigkeit der Entprivatisierung kindlichen Leids
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[2008] Arche reicht nicht! – über die Notwendigkeit der Entprivatisierung kindlichen Leids

dunkel© 2008, Martin Kühn

leide nicht deines nächsten kummer
leide nicht deines nächsten ohnmacht
aber reiche deine hand hin, reiche sie hin
(Patti Smith, Radio Baghdad)

Die Hoffnung hat zwei schöne Töchter.
Sie heißen Wut und Mut.
Wut darüber, dass die Dinge so sind, wie wir sie sehen.
Mut, um sie so umzugestalten, wie sie sein sollten.
(Augustinus)

1. Einleitung

Der traumapädagogische Diskurs der letzten Jahre hat eine pädagogische Begleitung traumatisierter Kinder und Jugendlicher in der stationären Kinder- und Jugendhilfe zunehmend erfolgreich entwickelt und beschrieben. Erste wissenschaftliche Evaluationen, z.B. von Schmid, Wiesinger, Lang, et al. (2007), belegen mittlerweile die Wirksamkeit traumapädagogischer Konzepte in einer entsprechenden Gestaltung von Fremdunterbringung. Das ist viel versprechend und ermutigt, diesen Weg weiterzuverfolgen.

Es ist festzustellen, dass der zahlenmäßig größte Anteil an Kindern und Jugendlichen in der Jugendhilfe Opfer sogenannter „man-made desaster“ wurden, oft auch chronisch und durch enge Bezugspersonen (Egel, 2008), geprägt durch vielfältige psychosoziale Risiokofaktoren und dysfunktionale Familiensysteme (Schmid, Wiesinger, Lang, et al., ebd.). Solche Lebensumfelder können nur als zerstörerische bezeichnet werden. Im traumapädagogischen Diskurs muss daher zukünftig der Zusammenhang zwischen dem sozialen Kontext des Kindes und den individuellen psychischen Auswirkungen noch aktiver, deutlicher mit bedacht werden.

2. Trauma ist politisch

Auch wenn Herman (2003, S. 385) und Weiß (2008, S. 219) bereits auf die Notwendigkeit einer (sozial)politischen Betrachtung des Themas „Trauma“ hingewiesen haben, wird die gegenwärtige Diskussion hauptsächlich über den Umgang mit dem traumatisierten Individuum definiert. Dieses Traumaverständnis wird von einzelnen Fachkräften grundlegend kritisiert: „Hier liegt die Schwäche des Trauma-Konzepts. Das Trauma wird nicht über den auslösenden Kontext definiert, sondern über die möglichen Symptome, die aus den seelischen Erschütterungen resultieren können. Die gesellschaftliche Dimension wird dabei außer Acht gelassen.“ (Heckl, 2003) Ein individualisierter Traumabegriff stigmatisiert das Opfer erneut auf pathologische Weise, ignoriert den mitverantwortlichen gesellschaftlichen Kontext und reviktimisiert so den betroffenen\r\nMenschen, so die KritikerInnen. „Vor allem David Becker (1997) hat immer wieder darauf hingewiesen, dass im Zentrum jeder psychosozialen Arbeit die Anerkennung und die Entprivatisierung des Leids stehen muss. Denn nur diese Anerkennung ermöglicht es dem Menschen, die notwendigen Trauerprozesse zuzulassen und sich aus der (…) Vereinzelung zu lösen. (…) Es muss in den Unterstützungsangeboten immer auch um eine Einflussnahme auf die Ursachen der Verletzungen gehen; denn finden dabei politische Bedingungen keine Berücksichtigung, so ist das Risiko groß, dass jede psychotherapeutische Arbeit ohne Wirkung bleibt.“ (Heckl, ebd.)

„Anerkennung“ und „Entprivatisierung des Leids“ ist nicht nur für (Folter-)Opfer von Diktaturen oder politische Flüchtlinge von Bedeutung, sondern muss in diesem Sinne auch in Bezug auf Kinder in zerstörerischen Lebensumwelten hier zu Lande begriffen werden. In einer Studie von Basoglu et. al. (2007) an der Universität London wurde nachgewiesen, dass die Auswirkungen physischer Folter gleichzusetzen sind mit psychischer Gewalt, emotionaler Vernachlässigung und sogar verbaler Erniedrigung. Zustimmend machen Rückmeldungen, z.B. des DJI, auf die Studie deutlich, dass dies auf die Auswirkungen zerstörerischer Lebensbedingungen von Kindern übertragbar ist (Georgescu, 2007). Diese Erkenntnisse machen nachdenklich, denn der gesellschaftspolitische Kontext ist in der fachlichen Diskussion bisher nur unzureichend berücksichtigt worden. „Wenn Traumata Teil eines gesellschaftspolitischen Prozesses sind, dann können sie nicht in die Sprache von Krankheitsdefinitionen hineingepresst werden, die diesen Prozessen gegenüberstehen und angeblich mit ihnen nichts zu tun haben. Im Zusammenhang mit Verfolgung und Unterdrückung ist Trauma ein politischer Begriff und als solcher Teil der herrschenden Rahmenbedingungen. Wird dies institutionell ignoriert oder aktiv verleugnet (…), dann verschärft das unweigerlich den traumatischen Prozess der Patienten.“ (Becker, 2006, S. 74)

Für den traumapädagogischen Diskurs ergeben sich daher weitere Aspekte:

  • nicht nur die pädagogische Kernarbeit, z.B. im Kontext der „pädagogischen Triade“ (Kühn, 2007), sondern auch
  • der soziale Kontext zerstörerischer Lebensumfelder von Kindern und Jugendlichen (Armut, Gewalt, Entrechtung, usw.), sowie
  • das gesellschaftspolitische Feld (Bildung, Soziales, usw.)
    sind dabei in der fachlichen Betrachtung zu berücksichtigen.

Becker schreibt, „dass in jedem neuen sozialen Kontext die Menschen ihre eigenen Definitionen von Trauma erfinden müssen“ (ebd., S. 197), in diesem Sinne ist auch im pädagogischen Feld der Begriff des Traumas und der fachliche Umgang damit neu zu hinterfragen und zu bestimmen.

3. Kein sicherer Boden

Das Arbeitsfeld der offenen Jugendarbeit, der Beratungsstellenarbeit, der aufsuchenden Dienste und der ambulanten Jugendhilfe ist in besonderer Weise mit zerstörerischen Lebensumfeldern von Kindern und Jugendlichen konfrontiert. Allerdings fehlen bisher jedoch Ansätze zur pädagogischen Begegnung mit traumatisch belasteten Kindern und Jugendlichen im niederschwelligen, ambulanten, aufsuchenden Bereich. MitarbeiterInnen des Ambulanten Sozialen Dienstes (ASD) bzw. Jugendamtes, der Ambulanten Familienhilfen, der offenen Jugend- und Treffpunktarbeit im Stadtteil, sowie in Kindergarten und Schule, sind oftmals sehr frühe Personen außerhalb eines Familiensystems, die sich mit den traumatisierenden Risikofaktoren in der Entwicklung eines Kindes konfrontiert sehen. In diesem Sinne ist die Reform zum Schutzauftrag der Jugendhilfe nach § 8a KJHG zu begrüßen, allerdings nur „wenn seine fachlichen, personellen und finanziellen Implikationen (…) eingelöst werden.“ (Kohaupt, 2006) Insofern ergibt sich auch an dieser Stelle, neben der Etablierung entsprechender traumapädagogischer Ansätze, ein weiterer Grund für einen offenen politischen Diskurs.

Unter traumapädagogischen Gesichtspunkten sind diese sozialraumorientierten Arbeitsfelder von einer ganz besonderen Brisanz geprägt:

  • das Lebensumfeld des Kindes ist zu diesem Zeitpunkt kein „sicherer Ort“
  • die pädagogische Fachkraft ist direkt im zerstörerischen Lebensumfeld tätig
  • die pädagogische Fachkraft ist im direkten Kontakt in der Regel isoliert als Einzelperson tätig
  • traumabezogene Belastungssymptome sind den Fachkräften in diesen Arbeitsfeldern häufig nicht bekannt oder werden nur unzureichend realisiert, lösen jedoch diffuse Verdachtsmomente aus
  • der vage Verdacht auf Kindeswohlgefährdung führt zu Verunsicherung und zunehmendem Stress bei der Fachkraft, wird aber nicht immer zeitnah aufgelöst und kann sich so in verschiedenen Stresssymptomen verfestigen

Pädagogische Fachkräfte in ambulanten Tätigkeitsfeldern benötigen besonderer institutioneller Stütz- und Sicherheitssysteme, um in einem solch offenen Arbeitsfeld geschützt und schützend tätig sein zu können.

4. Ruder- oder Rettungsboot?

Das Interesse an neuen sozialen Konzepten und Modellen, angesichts der zunehmenden Berichterstattungen zu Kindesmisshandlungen, ist groß. So machte in den letzten Monaten in den Medien immer wieder ein besonderes niederschwelliges soziales Projekt von sich reden, die „Arche“. 1995 in Berlin gegründet, mittlerweile neue Standorte in Hamburg und München verwirklicht und an weiteren vier Orten in Planung, hat die „Arche“ sich durch diverse Preisverleihungen, Zeitungsberichte und TV-Dokumentationen als innovatives und exponiertes „Rettungsboot“ für benachteiligte Kinder darstellen können.

Auf den ersten Blick ist die Leistung der „Arche“ beeindruckend und die beiden TV-Dokumentationen über ihre Arbeit in Berlin und Hamburg, „Zirkus is“ nich““ (Schult, 2006) und „Schattenkinder“ (König, 2007), gehen unter die Haut. Beim zweiten Hinsehen entstehen jedoch Fragen. Ausführlich weist der der „Arche“-Gründer Siggelkow zwar auf die problematischen Lebensumstände der in der „Arche“ betreuten Kinder und Jugendlichen hin, die oftmals von Armut, Gewalt und Vernachlässigung geprägt sind (Siebers, 2003), aber andere Aspekte machen stutzig. So lobt ein alkoholisierter, gewalttätiger Vater in der Dokumentation „Schattenkinder“ (König, ebd.) das Angebot des Mittagstisches in der „Arche“, da er ja selber seine beiden Töchter aus Unfähigkeit nicht bekochen könne. Siggelkow weiß, dass sich manche Familien inzwischen der „Arche“ eigennützig bedienen, aber „die Kinder können ja nichts dafür.“ (3sat, 2005) Und der Leiter der Hamburger „Arche“, Hagge, betont: „Uns geht es nicht darum, die Eltern zu erziehen, sondern den Kindern zu helfen, die in Not sind.“ (Gall & Krause, 2006) Die wohltätige Arbeit erregt Zustimmung und öffentliches Interesse, aber die Grenze zur Co-Stabilisierung gewalttätiger Strukturen ist dünn.

Aber was hilft Kindern wirklich, die in zerstörerischen Lebensumfeldern aufwachsen? „Wir geben den jungen Menschen das, was sie am meisten brauchen – Zuneigung und Gemeinschaft“, wird Siggelkow zitiert (Lill, 2005). Folgt man der Argumentation von Heckl und Becker ist dies jedoch in keiner Weise ausreichend. Natürlich brauchen Kinder Zuneigung und Gemeinschaft, aber sie brauchen auch Schutz und Sicherheit. Aus fachlicher Sicht ist festzuhalten, dass ein warmes Mittagessen, Hausaufgabenbetreuung und Freizeitangebote nicht genug sind, um zu helfen oder Gutes zu tun, wenn abends Einsamkeit, Trostlosigkeit, Bedrohung und Angst warten. Die mediale Öffentlichkeit der „Arche“-Arbeit verschleiert somit – wenn auch ungewollt – das private Leid der Kinder. Die existenten Gewaltstrukturen, in denen viele Kinder auch hierzulande leben müssen, sind zu enttabuisieren. Armut und Gewalt sind keine Schicksalsschläge, sondern „man-made desaster“… – und nur „man-made“ sind Lösungen zu finden.

5. Schlussbemerkung

Ein zentraler Aspekt des Traumabegriffs nach Becker ist die „Entprivatisierung des Leids“ (ebd.). In diesem Sinne ist der aktive Einsatz für Kinderrechte, sozialraumorientierten Kinderschutz und eine viel beschworene „Kultur des Hinsehens“ kein Luxus engagierter „Gutmenschen“, sondern gesellschaftliche Notwendigkeit. Eine fachliche Diskussion zur Traumapädagogik sollte daher um den sozialpolitischen Aspekt erweitert werden.

Die Fachkräfte in der offenen, aufsuchenden und ambulanten Jugendhilfe stehen dabei in einer exponierten, aber auch gefährdeten Position. Sie sollten traumapädagogisch qualifiziert werden, damit der traumatisierende Teufelskreis zerstörerischer Lebensumfelder frühzeitig unterbrochen werden kann und betroffene Kinder und Jugendliche anders, besser versorgt werden.

Niederschwellige Projekte, wie die „Arche“, o.ä. sind im Besonderen zur kritischen Reflexion verpflichtet, um strukturelle Mitverantwortung für soziale Gewaltstrukturen zu vermeiden und dem fachlich fundiert entgegenwirken zu können.

Dem Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela wird folgendes Zitat zugeschrieben: „Eine Gesellschaft offenbart sich nirgendwo deutlicher als in der Art und Weise, wie sie mit ihren Kindern umgeht. Unser Erfolg muss am Glück und Wohlergehen unserer Kinder gemessen werden, die in einer jeden Gesellschaft zugleich die verwundbarsten Bürger und deren größter Reichtum sind.“

Dem ist nichts hinzuzufügen.


Literatur:

3sat nano: Armut in Hellersdorf: „Die Kinder können nichts dafür“, 21.11.2005, www.3sat.de/nano/bstuecke/85740/index.html
Basoglu, M., Livanou, M. & Crnobaric, C.: Torture vs Other Cruel, Inhuman, and Degrading Treatment: Is the Distinction Real or Apparent? In: Arch Gen Psychiatry, Mar 2007; 64: 277 – 285
Becker, D.: die erfindung des traumas – verflochtene geschichten. Freiburg 2006
Egel, A.: Im Kampf gegen Windmühlenflügel – Möglichkeiten und Grenzen von Psychotherapie für traumatisierte Kinder und Jugendliche. Vortragsskript, Groß Pinnow 2008
Gall, I. & Krause, S.: Was ist sozial?. In: WELT Online vom 13.12.2006, www.welt.de/print-welt/article702222/Was_ist_sozial.html
Georgescu, V.: Psychische Gewalt so verheerend wie Folter. In: SPIEGEL Online vom 06.03.2007, www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,470220,00.html
Heckl, U.: Trauma und Traumatisierung. In: Report Psychologie 1/2003, www.BDP-Verband.org/bdp/idp/2003-1/11.shtml
Herman, J.: Die Narben der Gewalt – Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden. Paderborn 2003
König, U.: Schattenkinder. TV-Dokumentation 2007
Kohaupt, G.: Der Schutzauftrag der Jugendhilfe nach § 8 a KJHG. Berlin 2006, www.kinderschutz-zentrum-berlin.de/download/Schutzauftrag der Jugendhilfe.pdf
Kühn, M.: Wir können auch anders – Anmerkungen zu einem interdisziplinären Verständnis von Trauma und Kindheit in der Pädagogik. Vortragsmanuskript Selb-Silberbach 2007
Lill, T.: Politiker spielen Arche versenken. In: SPIEGEL Online vom 15.12.2005, www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,390563,00.html
Schmid, M., Wiesinger D., Lang, B., Jaszkowic, K. & Fegert, J. M.: Brauchen wir eine Traumapädagogik? – Ein Plädoyer für die Entwicklung und Evaluation von traumapädagogischen Handlungskonzepten in der stationären Jugendhilfe. In: KONTEXT 38,4 (2007), S. 330-357
Schult, A.: Zirkus is nich. TV-Dokumentation 2006
Siebers, D.: Werkstatt „Armutszeugnisse“ – Interview mit Herrn Siggelkow, dem Leiter der Kinder- und Jugendeinrichtung „Die ARCHE“ in Berlin Hellersdorf. Berlin 2003, www.armutszeugnisse.de/orte/orte_07.htm Weiß, W.: Philipp sucht sein Ich – Zum pädagogischen Umgang mit Traumata in den Erziehungshilfen. Weinheim 2008

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